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volume 3
februar 2001

Ein Besuch auf der MEBO II

 





  Erinnerungen an Radio Nordsee International (Teil 1)
von Hans Knot
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  Mit einem lebhaften Interesse an den Abenteuern der sogenannten "Piratensender" verfolgte Hans Knot in den 70er Jahren ständig die Geschehnissen rundum Radio Nordsee International und hielt diese in seinen Tagebüchern fest. Im nachfolgenden Fragment beschreibt er seinen Besuch vom 21. Februar 1971 an das Sendeschiff MEBO II.
 
Zurück in die Zeit mit einige RNI-jingles
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Seit 32 Jahren habe ich viel über die Geschichte des Hörfunks geschrieben. Mein Schwerpunkt lag dabei auf dem Offshore-Radio, also auf den Sendern in internationalen Gewässern. Die Offshoresender gestalteten ihre Programme ohne Einflußnahme durch irgendwelche Regierungen und ohne die Einschränkungen, die in jener Zeit für öffentlich-rechtliches und kommerzielles Radio in Europa galten. Daher konnten die Offshoresender ihre Programme den sich verändernden Bedürfnissen der Hörerschaft viel flexibler anpassen als die Sender an Land. Ihre Musikauswahl war genauso innovativ wie der Stil der Präsentation, so dass sie für ihre Hörer oftmals wegweisend waren. Hinzu kam ein starkes Gefühl von Abenteuerromantik, welches das Leben und Arbeiten an Bord eines Radioschiffes umgab. Mit einem lebhaften Interesse an diesen Dingen verfolgte ich in den 70er Jahren ständig die Abenteuer rund um Radio Nordsee International und hielt sie in meinen Tagebüchern fest. Das nachfolgende Fragment beschreibt einen Besuch auf dem Sendeschiff, der MEBO II, am 21. Februar 1971.

2 Mittwoch, 21. Februar 1971: Es ist zwei Uhr nachmittags, als niederländische Zollbeamte unsere Pässe zum letzten Mal überprüften. Aus welchem Grund? Nun, wir waren auf dem Weg in internationale Gewässer zur MEBO II, dem Radioschiff, auf dem der englische Dienst von Radio Northsea International zuhause ist und das sehr bald — ab März — auch dessen holländisches Pendant Radio Noordzee beherbergen wird. Der Tender, den wir benutzten, war die Elisabeth 4, ein Fischdampfer aus Scheveningen, angemietet Strengholt BV aus Narden, das sind die Eigentümer des holländischen Radiodienstes. Einer der schweizerischen Eigentümer der MEBO II, Herr Meister, hat uns gestern angerufen und uns zu diesem Publicity-Trip eingeladen.
  Pieter Damave

Das sind die einleitenden Zeilen meines Tagebucheintrags zum Besuch auf der MEBO II. Meister begleitete uns auf dem Trip, gemeinsam mit seinem Partner Bollier. In jenen Tagen leiteten die beiden eine Telekommunikationsfirma in Zürich. Neben ihnen nahmen an dem Ausflug teil: Willem van Kooten (alias Joost den Draayer), Jan van Veen, John de Mol Senior (der Direktor des holländischen Service von Radio Noordzee), John de Mol Junior, der später als Techniker für Radio Noordzee arbeitete und heute der größte Fernsehproduzent in Europa ist. Daneben waren rund zehn Journalisten an Bord, die eingeladen waren, für den neuen Sender in ihren Zeitungen und Magazinen zu werben. Aus diesem Grund war auch ich anwesend, denn ich war seinerzeit Redakteur des Offshore-Magazins "Pirate Radio News". Aber weiter im Text meines Tagebuchs:

3 Unser Besuch auf dem Schiff war nicht der einzige Grund für den Ausflug. Es mußten neue Schallplatten, Tonbänder mit Programmen und Musikmagazine nach draußen gebracht werden, dazu Milch, Brot, Bier und andere Kleinigkeiten. Vor allem aber sollten die zwei holländischen DJs Jan van Veen und Joost den Draayer am Nachmittag gemeinsam mit den Leuten vom internationalen Dienst auf der MEBO II eine Sendung moderieren, um den kommenden niederländischen Radiodienst zu promoten. Es war bitterkalt, als wir auf die Reise gingen, und alle trugen ihre Wintermäntel. Aber trotz der großen Kälte während der ersten Viertelstunde war die Stimmung gut, und wir vergaßen schnell das Wetter. Die See war nicht besonders ruhig, aber mit dem Seegang hatte ich noch nie Probleme.
  Andere aber wurden schnell grün im Gesicht und kämpften während der 45 Minuten auf dem Weg zur MEBO II mit der Seekrankheit. Joost war für die gute Laune zuständig. Er hat vor drei Jahren Radio Veronica wegen Streitigkeiten mit deren Direktoren, den Brüdern Verweij, verlassen und wird jetzt für Radio Noordzee arbeiten. Aber nicht allein für Noordzee. Er hat immer noch einen Job beim legalen Radio in Hilversum, wo er jede Woche die Top 30 auf VPRO Hilversum 3 moderiert. Das bedeutet, dass wir Joost ab März an allen Wochentagen von 12 bis 14 Uhr auf Radio Noordzee hören können, während er freitags zur gleichen Sendezeit auf VPRO Hilversum 3 gehört werden kann. Das erste Programm wird dabei von Band kommen, während er das auf VPRO live präsentieren wird.
4 Stationsmanager Erwin Meister und Edwin Bollier im Senderaum der MEBO II

Natürlich habe ich schon viele Fotografien der MEBO II in den britischen und holländischen Zeitungen gesehen, aber ich habe das Radioschiff selbst noch nie besucht. Es war wunderschön, das Schiff mit all seinen Farben nach 35 Minuten Fahrt am Horizont zu entdecken. Es ist wirklich etwas Besonderes. Nach dem Ende von Swinging Radio England und Radio London hat mich keine andere Station so sehr in ihren Bann gezogen wie RNI ab 1970. Das war beinahe ein tragisches Jahr, 1970, als das Schiff beinahe von der Veronica-Organisation entführt und weggenommen worden wäre. Für mich klingt RNI wie ein professioneller Sender, und das liegt meiner Meinung nach an der durchweg sehr guten Qualität des Moderatorenteams.

Gleich nachdem wir an Bord der MEBO II waren, sprach Jan van Veen einige Worte: "Wenn wir uns dieses schwarze Schiff auf der anderen Seite anschauen," und dabei zeigte er auf die Norderney, das Sendeschiff von Radio Veronica, das dort lag, "sehen wir, dass unser Schiff wirklich groß ist. Gegen unseres sieht das dort wie ein Ruderboot aus." Er fügte gleich hinzu, dass es nur ein Scherz gewesen sei und dass die Journalisten nichts Schlechtes über seine früheren Arbeitgeber schreiben sollten. Immerhin hatte van Veen Radio Veronica ebenfalls nach einem Streit mit den Verweij-Brüdern verlassen, und einer von denen ist auch noch sein Schwiegervater.

5 Als wir alle an Bord waren, startete eine Tour. Zuerst gingen wir in das große Studio. Nie zuvor hatte ich ein derart großes Studio auf einem Radioschiff gesehen. Christian St. John, Alan West, Tony Allan, Dave Rodgers und Steve Merike wurden uns als Mitarbeiter des internationalen Dienstes vorgestellt. Steve war der einzige, den ich zuvor bereits getroffen hatte, 1968 in der Singel-Straße in Amsterdam, wo Radio Caroline damals ein Büro unterhielt. Die Stimmung im großen Produktionsstudio machte mir deutlich, dass dieses Team wirklich gut zusammenpaßt. Meister bestand darauf, die Gäste persönlich herumzuführen. Er brachte uns also zum Herzstück des Schiffes und zeigte uns voller Stolz den Senderaum: "Für uns ist das die schönste Investition, die wir je getätigt haben." Und während er auf die große Front mit den Sendern zeigte: "Wir haben mehr als eine Million Gulden dafür bezahlt, und Sie können sich vorstellen, dass wir sehr verärgert waren, als wir im September des letzten Jahres von der Veronica-Organisation übernommen wurden. Aber da wir jetzt unser Schiff wiederhaben, sollte es uns möglich sein, unsere Investition mehr als einmal wieder reinzuholen. Ich bin mir sehr sicher, dass wir dieses Mal einen großen Erfolg landen werden, und ein Teil dieses Erfolges ist der Grund für unsere Reise: unsere lieben holländischen Freunde, die von kommender Woche an einen Teil des täglichen Programmes präsentieren werden."
6 Nachdem wir weitere Teile des Schiffes besucht hatten, wie die Maschinen und den Raum mit den Generatoren, folgte ich Joost an Deck, um mich mit ihm über die Plänen für den niederländische Radiodienst zu unterhalten. "Wir werden die Hits von heute, gestern und morgen bringen, eine entspannte Musik, nicht zu heavy und zu modern. Wir werden versuchen, eine breite Hörerschaft anzusprechen, besonders solche, die ihre Teenagerjahre hinter sich haben und jetzt Twens sind. Das ist die Zielgruppe, die unsere Werbetreibenden interessiert." Obwohl der holländische Dienst noch nicht im Äther war, war Den Draayer überzeugt, dass Radio Noordzee 220 ein großer Erfolg werden würde: "Natürlich ist es sehr schwierig, eine Station, die noch nicht on air ist, an den Werbenden zu verkaufen. Aber die Leute in unserer Verkaufsabteilung haben schon mit mehreren Firmen gesprochen, und die Sache sieht gut aus für die Zukunft. In Nullkommanichts, da können Sie sich sicher sein, werden wir mehr Sendezeit in Niederländisch haben, unsere eigenen Nachrichten, Live-Programme und viele Überraschungen mehr." Nach einem Umtrunk im Studio gingen alle zurück auf die Elisabeth 4. Meister rief uns hinterher, und er formte dabei mit seinen Händen einen Trichter um den Mund: "Was ich noch vergessen habe: In wenigen Wochen, ich versprech's euch Jungs, werden wir 24 Stunden auf Kurzwelle, Mittelwelle und UKW on air sein!"
7 Hans Knot auf Promotion-Tour für RNIand seinem Album über die Geschichte der Seesender im Scheveningen, 4. Mai 1973

Wir genossen den Trip zurück in den Hafen von Scheveningen. Meine ersten Schritte auf diesem wunderschönen Schiff waren ein Erlebnis, dass ich nie vergessen werde. In den folgenden Jahren besuchte ich die MEBO II zu verschiedenen Anlässen. RNI mußte am 31. August 1974 mit dem Inkrafttreten des holländischen Gesetzes über Verstöße auf hoher See seinen Betrieb einstellen. Das gleiche Gesetz brachte auch Dinge zu einem Ende, wie die Doppelmoderation von Willem van Kooten, der die Station am 1. März 1972 verlassen hatte — auf RNI und VPRO. Mitte der siebziger Jahre mußten die meisten Offshoresender eingestellt werden, doch sie lebten weiter in den Erinnerungen ihrer Hörer. Und wenn ich auf all die Sender zurückschaue, die in den 1970ern aktiv waren, kann ich nur sagen, dass RNI — in meinen Ohren — stets die Nummer 1 war.

   
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  Original-Titel: A visit to the MEBO II. RNI Memories (1). Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Völkner. In den Index Erinnerungen an Radio Nordsee International findet man die übrigen Ablieferungen aus dieser Reihe. The sound fragment on this page is copyrighted. It is used here according to the rules of fair use and academic quoting.
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