Logo  
  | home | authors | calendar colophon | links | newsgroups | newsfeed | new | printer version |  
volume 3
februar 2001

Der Abschied von Joost den Draayer

 





  Erinnerungen an Radio Nordsee International (Teil 6)
von Hans Knot
Previous
  Im Februar 1972 machte Willem van Kooten — alias Joost den Draayer — bekannt, daß er Radio Nordsee verlassen würde. Diese Ankündigung sorgte für einiges Aufsehen bzw. für ziemlichen Wirbel. Dies vor allem wegen der Tatsache, daß er seine Zweifel über die Zukunftsmöglichkeiten der Seesender äußerte. Hans Knot holt diese Geschichte zurück in seinen RNI Erinnerungen.
 
1 Joost den Draayer in füller Aktion für Radio Noordzee

Im ersten Jahr des Bestehens wurde Radio Nordsee, der Niederländische Service von RNI, vor allem populär wegen seiner Programme von Jan van Veen und Joost den Draayer. Aufkommende Stars wie zum Beispiel Peter Holland und Tony Berk mußten noch eben warten. Erst nach dem Abschied der beiden Großmeister der Schalplattenpräsentation sollten sie ihre Chance bekommen. Einige Zeit nach dem Beginn von Radio Nordsee, gab es bereits die Live-Programmierung mit unter anderem Leo van der Groot und Hans ten Hooge zu hören. Aber nur ein kleiner Teil der Zuhörerschaft bevorzugte zu dem Zeitpunkt schon diese Programmierung. Die größte Popularität genossen die konservierten Programme, die zunächst in Hilversum und später in Naarden aufgenommen wurden. Das waren unter anderem die Programme von Jan van Veen en Joost den Draayer.

2 Im Februar 1972 sollte dies allerdings drastisch verändern. Damals beschloß Willem von Kooten nämlich, seinerzeit 31 Jahre alt, sich aus dem Staube zu machen. Die Station konnte noch einige Monate von den beachtlichen Talenten des Mannes hinter dem Radionamen "Joost den Draayer" Gebrauch machen. Danach war es vorbei. Willem van Kooten zufolge hatte er nicht mehr die rechte Lust, um Programme für Radio Nordsee zu machen. Außerdem, so gab er an, konnte er diese Aktivitäten nicht mehr mit seinen intensiven Arbeiten für seine eigen Schallplattengesellschaft und seinen Musikverlag kombinieren. Desweiteren hatte er wachsende Zweifel in bezug auf die Zukunftsmöglichkeiten der Seesender. In einem Interview im Telegraaf behauptete Van Kooten bereits am 17. April 1972:
  "Ich glaube, dass das Zeitalter des Piratenradios vorbei ist ... wohlgemerkt, ich sage "ich glaube". Wissen tue ich es nicht. Ob Radio Veronica und Nordsee verschwinden werden ist eine andere Geschichte. Ohne eine gute Station, die diese beiden Piraten ersetzen muß, gehen diese Schiffe was mich angeht nicht aus der Luft."
Joost den Draayer präsentiert die Top 50 auf Radio Noordzee (1971)
3 Überall Erstaunen. Man frage sich ab, wie ein Mann, der früher acht Jahre für Radio Veronica gearbeitet hatte, das Piratentum auf einmal tatsächlich auf ein Nebengleis setzen konnte. In Hilversum und Umgebung machten zu dieser Zeit Gerüchte die Ronde, dass Van Kooten wieder einmal Streit mit einem der Prominenten der Organisation hinter der Station, dem Unternehmen Strengholt, habe. Van Kooten äußerte sich darüber:
  "Das ist alles Unsinn. Ich konnte mich nicht mehr völlig für das Programm einsetzen. Wenn ich etwas tue, dann will ich es auch gut tun. Zugegeben, neben dieser Programm-Müdigkeit habe ich noch einige Privatangelegenheiten mit der Direktion von Radio Nordsee. Das es aber keinen Streit gibt, wird aus der Tatsache deutlich, dass ich wahrscheinlich die Top 50 bei Radio Nordsee präsentieren bleibe. Sicher ist das allerdings noch nicht. Ende dieser Woche fahre ich in den Urlaub und möchte dann noch einmal in Ruhe darüber nachdenken."
4 In dieser Zeit machte auch das Gerücht die Runde, dass die Gebrüder Verweij, Besitzer von Radio Veronica und frühere Arbeitgeber von Van Kooten, ihm ein beträchtliches Gehalt geboten hatten, um ihn ins alte Nest zurückzuholen. Van Kooten:
  "Das kann nicht. Wenn ich bei Radio Nordsee weggehe, weil ich keine Lust mehr habe, um diese Art der Programme zu präsentieren, dann gehe ich doch sicherlich nicht zu Radio Veronica. Dann kann ich genauso gut bei Radio Nordsee bleiben. Nicht das ich etwas gegen Radio Veronica hätte. Ich komme ausgesprochen gut mit den Verweij's, den Deejays und den Technikern klar, aber ich will einfach keine Programme mehr präsentieren. Ich will meine Zeit meiner eigenen Produktionsgesellschaft widmen. Du mußt einmal darauf achten, was dieses Jahr mit den Schallplatten von holländischen Künstlern passiert: Ein internationaler Durchbruch und daran will ich mit profitieren. In kürze komme ich mit Platten von Golden Earing, Greenfield und Cook und Shocking Blue heraus und dann kann ich es nicht länger aufbringen, um mich völlig, 100 %, sowohl für Radio Nordsee als auch für meinen eigenes Unternehmen zu geben."
5 John de Mol Senior, seinerzeit Direktor des niederländischen Service von Radio Nordsee, hatte es bereits geahnt. Er sagte:
  Hans ten Hooge produziert die neueste jingle für die RNI Treiterschijf (1971)

"Ich ahnte es. Willem ist ein Junge, der sich enorm viel zumutet. Durch seine Vielseitigkeit muß er wohl oder übel in Schwierigkeiten kommen. Er macht nun erst einmal Urlaub und danach kommet er wieder hierher und dann werden wir uns alle beratschlagen. Über eine eventuellen Stellvertreter haben wir dann auch noch nicht gesprochen."

6 Das bißchen Hoffnung, dass in der Bemerkung von De Mol durchklang, war vergebens. Bei Zurückkehr gab der Mann mit der ewigen Zigarre zu erkennen, dass er noch für kurze Zeit mit den Top 50 fortfahren würde, bis Ferry Maat die Präsentation im Juni 1972 von ihm übernahm. Für die Präsentation der wöchentlichen Stunden von Van Kooten wurde nicht viel später Tony Berk engagiert. Berk war bereits im Dienst für die Präsentation des Programms "Branding", ein Schallplattenprogramm für Unternehmen, dass Wochentags zwischen 9.00 und 10.00 Uhr am Morgen via "220" ausgesonden wurde.
7 Seine Bemerkung, dass das Piratenzeitalter vorbei ist, wird Van Kooten wohl nie bereut haben. Es stärkte seine Reputation als jemanden mit einer feinen Nase für die Entwicklungen in der Medienlandschaft. Später sah er übrigens schon noch genug Chancen und Möglichkeiten bei den Seesendern. So probierte er 1978, zunächst via "de Hooge Noord BV" Sendezeit von Ronan O'Rahilly, dem Direktor der Caroline-Organisation, zu mieten. Unter dem Namen Radio Hollandia sollte die Station als Stellvertreter für Radio Mi Amigo dienen. Programmbänder, mit unter anderem Jan van Veen, Will Luikinga und Joost selbst, waren bereits an Bord des Sendschiffes von Radio Caroline, der Mi Amigo, als der Generator kaputt ging. Wir haben es dann über den Oktober des Jahres. Außerdem hatte man sich bereits an Rob Hudson (Ruud Hendriks, nun: EndeMol) und Marc Jacobs (Rob van Dam, nun: RTV Noord) gewendet, um als Bordteam zu fungieren. Beide arbeiteten zu diesem Zeitpunkt für Radio Mi Amigo. Durch die technischen Mängel und den Widerstand von der Seite von Radio Mi Amigo kam letztendlich Radio Hollandia nicht zustande.
8 Nach dem Mißlingen von Radio Hollandia hat Van Kooten, selbstverständlich mit anderen, noch zwei Versuche unternommen, um einen Seesender aufzurichten. So gelang es ihm einige Menschen an "Bord" der Rough Sands, einem ehemaligen Marinefort in der Nordsee, zu placieren, um Vorbereitungen für den Start einer neuen Station zu treffen. Dies spielte sich auch 1978 ab. Unter diesen Personen befand sich sein Schwager Hans Lavoo, der durch den Besitzer des Forts, Prince Roy Bates, als Geisel genommen wurde. Als auch dieser Versuch letztendlich zu nichts führte, beschloß Van Kooten sich einige Jahre im Hintergrund zu halten. Bis sich 1984 die Möglichkeit ergab, um einen niederländischen Service von der MV Ross Revenge (dem neuen Sendschiff der Caroline-Organisation) aus zu beginnen. Für diese Station, Radio Monique, machten Van Kooten und Tony Berk einige Zeit Programme. Später, 1987, begann er zum Schluß mit anderen loyalen Freunden das Satelliten-Radioprojekt Cable One. Leider, denn ich betrachte sie noch immer als eine der besten Satelliten-Radiostationen, die via Kabel über die Niederlande verbreitet wurden, ist dieses Projekt im Keim erstickt worden.
9 Wir schreiben inzwischen wieder das Jahr 2001, acht Jahre nachdem ich diese Geschichte aufschrieb. Das war mehr als 20 Jahre nach dem Abschied von Van Kooten bei Radio Nordsee. Aber vom Radio hat er nie wirklich Abschied genommen. Unter anderem war er als Aktionär bei Business News Radio betroffen und ist er noch immer Miteigentümer von Arrow Classic Rock. Darum, und natürlich wegen seiner bahnbrechenden Radioarbeit für Radio Veronica und Radio Nordsee, gilt Joost den Draayer zu Recht als "Großvater" aller Radiodeejays in den Niederlanden.
   
Previous
  Original-Titel: Het vertrek van Joost den Draayer. RNI Memories (6). Aus dem Niederlandischen übersetzt von Jana Knot. In den Index Erinnerungen an Radio Nordsee International findet man die übrigen Ablieferungen aus dieser Reihe. The sound fragment on this page is copyrighted. It is used here according to the rules of fair use and academic quoting.
  2001 © Soundscapes