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op-ed
april 2004

Gekürzt als Leserbrief

 





  Op-Ed
von Hans Durrer
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Next Rechts: Matthias Rüb, Amerika-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

In der Weltwoche 3/04 schrieb der Amerika-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Matthias Rüb, unter dem Titel "Sieg der Gewalt" einen scharfen, über weite Strecken höhnischen Artikel über die europäischen Gegner des Irak-Krieges, der folgendermassen eingeleitet wurde: "Die Brachialpolitik der amerikanischen Regierung ist erfolgreicher, als die europäischen Kritik-Orgien vermuten lassen. Die angekündigten Schreckensszenarien blieben aus. Der Druck auf die "Achse des Bösen" scheint sich bezahlt zu machen."

  Der Artikel war in einem derart hämischen Ton geschrieben, dass man ihn sich nur schwer in der staatstragend ausgewogenen FAZ vorstellen konnte, doch die Weltwoche, die gerne provoziert — und diesbezüglich einige Bewegung in die doch recht selbstgenügsame Schweizer Presselandschaft gebracht hat — brachte ihn prominent platziert: an erster Stelle der online-Ausgabe. Die Lektüre regte mich auf, nicht nur des Tones wegen: nichts stört mich mehr als Kriegsbefürworter, die auf der Grundlage von Medienberichten — in jedem Krieg bleibt bekanntlich die Wahrheit zuerst auf der Strecke — und aus der sicheren Distanz des Schreibtisches, wissen, was getan werden muss — mein diesbezüglicher Held ist immer noch Cassius Clay alias Muhammed Ali, der, als er nach Vietnam eingezogen werden sollte, sagte: er habe kein Problem mit den Vietnamesen; wenn der aushebende Offizier Probleme mit ihnen habe, solle er doch selber gehen. Ali ging ins Gefängnis.
  Ich schrieb eine Entgegnung und schickte sie per e-mail an die vier im Impressum aufgeführten Herren der Redaktionsleitung. Weder erhielt ich eine Eingangsbestätigung, noch irgendeinen anderen Bescheid. Als die nächste Ausgabe der Weltwoche erschien, guckte ich trotzdem online nach, ob die vielleicht doch etwas gebracht und möglicherweise ganz einfach vergessen hatten, mir dies mitzuteilen. Natürlich nicht.
Next Ein paar Tage später rief ein mir unbekannter Engländer aus Düsseldorf an und sprach mich auf meinen Leserbrief in der Weltwoche an. Es versteht sich: ich war einigermassen erstaunt, eilte zum Kiosk, blätterte zur Seite 33 — die mir der Engländer angegeben — und wirklich, da waren diese Zeilen von mir abgedruckt:
  "Man liebt die Amis nicht in dem Masse wie man das offenbar sollte. Nur: warum sollte man eigentlich? Schliesslich sind sie bei weitem nicht so perfekt wie wir sie gerne hätten (und wie sie selber glauben, dass sie sind), sind so heuchlerisch wie wir auch und so fundamentalistisch patriotisch wie wir Gott sei Dank nicht. Von denen, die uns führen wollen, die Beispiel sein wollen, erwarten wir jedoch mehr, erwarten wir das vorbildliche, rücksichtsvolle Verhalten, das aus einer mächtigen Nation erst ein respektierte, angesehene Nation machen würde. Rücksichtsloses Durchsetzen der eigenen Interessen, dies ist es, was Bush und seine Clique praktizieren. Damit haben sie Amerikas Reputation, damit haben sie unseren amerikanischen Traum zerstört."
  Sicher, es ist das gute Recht einer Redaktion, auf einen Artikelvorschlag erst gar nicht einzutreten. Und auch wenn man sich wünschte, sie wäre so höflich, und würde einem eine kurze Absage zukommen lassen, so will man dies andrerseits ja auch nicht fordern, da man sich vorstellt, dass man sich auf solch einer Redaktion bestimmt dauernd mit Ansinnen womöglich gänzlich unbegabter Schreiber — und einer, der nicht für ein Massenblatt schreibt, konnte doch so recht eigentlich, in Zeiten, in denen ausschliesslich die Absatzzahlen als Wertindikator gelten, nur einer von denen sein — herumschlagen musste und überhaupt Wichtigeres zu tun hat. Doch einen Artikel, den man nicht drucken will, einfach auf einen Leserbrief zu reduzieren, das geht nicht. Ich beschloss, etwas zu tun. Und schrieb, wiederum an alle vier Mitglieder der Redaktionsleitung, die folgende e-mail:
  "Am 18. Januar habe ich Ihnen per e-mail eine Entgegnung auf den Artikel von Herrn Rüb in der Weltwoche 3/2004 zukommen lassen und zur Veröffentlichung angeboten. Gross war dann mein Erstaunen, einen kurzen Ausschnitt aus meinem Artikel als Leserbrief in der Weltwoche 5/2004 wiederzufinden. Ein Artikel-Angebot ohne mein Wissen und Wollen, sozusagen im Armenrecht, als Leserbrief zu verbraten, ist nicht nur illoyal, es verstösst auch gegen das Grundgebot des fairen Journalismus. Dass mein derart — von 1782 Worten auf 81 Worte — komprimierter Artikel wohl nicht mehr viel Honorar abwerfen wird, nehme ich mit Bedauern zur Kenntnis."
Next Einer der vier, Simon Heusser, schrieb ein paar Stunden später zurück:
  "Das Vorgehen, einen angebotenen Artikel zu einem Leserbrief zu verwursten, ist natürlich unzulässig, das haben Sie völlig recht. Mailen Sie ihn mir doch bitte nochmals; selbstverständlich kann ich Ihnen nicht garantieren, dass wir ihn — ganz oder teilweise — drucken werden."
  Ich bedankte mich für die prompte Reaktion, schickte den Artikel noch einmal und wartete. Dass sie den Text publizieren würden, schien mir unwahrscheinlich. Ich vermutete, es käme schon bald eine dieser typischen Absagen — liegt bereits zu weit zurück, aus konzeptionellen Gründen etcetera. Als eine Woche später immer noch keine Nachricht eintraf, meldete ich mich noch einmal bei Herrn Heusser und fragte nach, ob es Neuigkeiten gebe? Ich blieb ohne Antwort. Der ist doch nur beleidigt, weil wir ihn nicht gedruckt haben, stelle ich mir vor, dass sie sagen werden. Und auch dies: wo kämen wir denn hin, wenn jedem, der sich zu einem Artikel von uns äussern möchte, Platz für eine Entgegnung gegeben würde? Wir sind eine Zeitschrift und kein Diskussionsforum. Wie gesagt: der ist doch einfach in seinem Ego verletzt. Na und?
  Sicher bin ich in meiner Eitelkeit gekränkt, doch hier geht es nicht allein um meine seelische Befindlichkeit, hier geht es auch darum, dass ein dermassen lascher Umgang mit Fragen des Urheberrechts — wie heisst es doch so treffend: ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtskenntnis; für Journalisten mag ersatzweise das Gebot der Recherche gelten — ein ausgesprochen schlechtes Licht auf die Redlichkeit der Weltwoche Redaktionsleitung wirft. Zudem: wollten die nicht einmal, wenn ich das noch recht erinnere, mit ihren Themen zum Tischgespräch werden? Und wenn man sich dann ihren Provokationen stellt, dann ziehen die Feiglinge den Schwanz ein — bin ich etwa doch beleidigter als ich gemeint habe? Doch nocheinmal: hier geht es nicht um meine Motive, hier geht es um Grundsätzliches: wer öffentlich Fehler begeht, soll öffentlich dazu stehen. Da sie das nicht von sich aus tun werden, wende ich mich an work, deren Chefredaktorin mir zurückschreibt, für Medienthemen sei work die falsche Adresse, sie rate mir, mich an Klartext, oder an die WOZ zu wenden, was ich auch tue. Zudem schreibe ich noch an Facts. Von allen dreien erhalte ich keine Antwort. Bleibt also noch der schweizerische Presserat, dem ich folgende e-mail zukommen lasse:
  "Die Weltwoche druckt einen ihr von mir angebotenen Artikel, ohne mich vorgängig zu informieren, massiv gekürzt, als Leserbrief ab. Und findet das, als ich mich beschwere, unzulässig — doch eine Klarstellung im Blatt erfolgt nicht. Nun habe ich eine Geschichte drum herum geschrieben, die Sie angefügt finden: damit Sie sich ein Bild machen können. Kann der Presserat da was tun?
  PS. Ich gehe davon aus, dass der Presserat unentgeltlich Auskunft gibt. Sollte dies nicht der Fall sein, betrachten Sie dieses Schreiben bitte als gegenstandslos."
Next Gleichentags trifft die Antwort ein:
  "Wenn Sie das auf unserer Website www.presserat.ch veröffentlichte Geschäftsreglement studieren, werden sie feststellen, dass der Presserat ein unentgeltliches Beschwerde anbietet. Entgegen dem was Ihnen offenbar vorschwebt, interveniert er darüber hinaus aber nicht direkt bei den Redaktionen, z.B. um den Abdruck eines Textes zu erwirken. Dementsprechend steht es Ihnen offen, eine Beschwerde einzureichen. Allerdings rate ich Ihnen, sich vorab mit unseren Stellungnahmen i.S. Leserbriefe vertraut zu machen. Denn die Kürzung von Leserbriefen entspricht durchaus gängiger redaktioneller Praxis."
  Postwendend schreibe ich zurück:
  "Sie haben recht, hätte ich das Geschäftsreglement des Presserates studiert, dann hätte ich mir mein PS sparen können. Mit allem anderen haben Sie jedoch unrecht: dass der Presserat bei den Redaktionen interveniert, habe ich mir weder vorgestellt noch geschrieben. Meine Frage war dermassen allgemein gehalten, weil ich weiss, dass der Presserat regelmässig Stellungnahmen abgibt. Und ich mir vorgestellt habe, Verletzungen journalistischer Anstandsregeln, die Ihnen gemeldet werden, würden publik gemacht. Zudem: dass Leserbriefe gekürzt werden, ist mir bekannt. Nur habe ich — das hätte eigentlich aus meiner e-mail hervorgehen müssen — gar keinen Leserbrief geschrieben, sondern einen Artikel. Da ich weder Ihr Geschäftsreglement, noch Sie meine Post lesen, ist es womöglich gescheiter, die Sache nicht weiter zu verfolgen."
  Und wieder lässt die Antwort nicht lange auf sich warten:
  "Auch nach nochmaliger Durchsicht Ihres gestrigen E-Mails kann ich Ihnen keine andere Antwort geben: Es liegt an Ihnen, gegebenenfalls — per konventioneller Post — eine Beschwerde einzureichen. Der Presserat ist keine Medienpolizei, die auf blosse "Anzeige" hin reagiert."
  Als ich schon resigniert aufgeben will, schiesst mir durch den Kopf, dass das doch eine Geschichte für den Beobachter wäre. Doch Irrtum: gewiss sei der Vorfall sehr ärgerlich, doch für eine Publikation im Beobachter schon deswegen nicht geeignet, weil Medienthemen im Heft kaum stattfänden, schreibe der stellvertretende Chefredaktor. Und: "Ihr Fall scheint mir zwar für Journalisten interessant, für ein breites Publikum aber nicht geeignet zu sein."
  Im Gegenteil: für Journalisten war "mein Fall" ja offenbar gänzlich uninteressant, doch könnte es durchaus sein, dass ein breites Publikum daran Interesse haben könnte. Dass man das beim Beobachter nicht so sieht, ist verständlich, schliesslich arbeiten die Kollegen von der Weltwoche im selben Haus.
Next Die obenstehende Geschichte habe ich sechs Schweizer Tageszeitungen sowie einem weblog, das die Schweizer Medienlandschaft zum Thema hat, angeboten. Zwei haben geantwortet — im Ton freundlich, doch ablehnend. Zuletzt schickte ich die Geschichte an das gerade gegründete Journalismus Observatorium der Universität Lugano, mit der Anregung, eine Art Klagemauer für "Mediengeschädigte" auf ihrer website einzurichten. Die Antwort? Ich möge bitte Verständnis haben, doch für meinen Fall seien sie schlicht "unzuständig;" die Idee mit der Klagemauer im Prinzip gut, doch aus konzeptionellen Gründen, und leider auch zu kleines Team — man kennt ja den Jargon öffentlicher Institutionen. Im übrigen, so der Herr Professor Russ-Mohl, wäre ich mit meiner Geschichte beim Presserat besser aufgehoben.
   
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