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op-ed
oktober 2004

Bildermacht

 





  Op-ed
von Hans Durrer
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Die Fotografien von irakischen Gefangenen im berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis werden unsere Vorstellungen vom Irak-Krieg mitprägen, nicht zuletzt, weil, wenn wir uns erinnern, dies häufig mittels Bilder tun. Dass es oft Fotos sind, und nicht etwa Fernsehbilder, die unsere Erinnerung prägen, liegt wesentlich daran, dass sie zum Innehalten auffordern.

In den 1950er Jahren begann das Fernsehen die Welt zu revolutionieren. Die Nachfrage nach den beweglichen Bildern, die man sich in der heimischen Stube anschauen konnte, war riesig. So hatten bereits in den 1980ern rund 80 Prozent der Bevölkerung Brasiliens Zugang zu einem Fernseher und man nahm damals gemeinhin an, die Fotografie würde wohl schon bald verschwinden — doch weit gefehlt. Einer der Gründe ist, dass Fernsehen und Fotografie sehr unterschiedliche Zwecke erfüllen: während das Fernsehen — wie auch Video und DVD — die Bilder zum Laufen bringt, hält die Fotografie sie an, bringt sie zum Stillstand. Einen weiteren Grund hat Susan Sontag in ihrem Artikel über die Folterphotos von Abu Ghraib — The photos are us — ausgemacht: "Leben heisst fotografiert werden und Aufzeichnungen vom eigenen Leben zu besitzen."

  Zu fotografieren bedeutet, persönliche Aufzeichnungen von Ereignissen, die sich der Kamera darbieten, zu machen — damit andere sehen können, wie der Fotograf, was er gesehen, eingerahmt hat. Das haben auch die Geheimdienstleute und Militärs in Abu Ghraib getan, als sie den Spass, den sie sich mit ihren wehrlosen Gefangenen machten, auf Fotos festhielten. Beim Anblick dieser Bilder, so Susan Sontag, frage man sich, wie jemand grinsen könne angesichts des Leidens und der Erniedrigung anderer Menschen. Erschreckend sei zudem, "dass die Täter keinerlei Unrechtsbewusstsein hatten angesichts dessen, was die Bilder zeigen ... ja dass sie dabei Spass hatten, denn die Bilder sollten ja in Umlauf gebracht und von vielen gesehen werden." Die Tatsache, dass, gemäss Zeugenaussagen, einige militärische und zivile Geheimdienstleute offenbar ihre Namensschilder abgenommen hatten und auf Fragen von Militärpolizisten nach ihren Namen mit "I'm Special Agent John Doe" oder "I'm Special Agent in Charge James Bond" Auskunft gaben, weist allerdings auf ein durchaus intaktes Unrechtsbewusstsein (zumindest einiger) hin — doch dass man bewusst Unrecht tun, und daran Spass haben kann, macht das Verhalten eher noch schlimmer.
Next Die Folterbilder liessen sich nicht mehr aus der Welt schaffen, so Sontag weiter, das liege an unserer digitalen Welt. Und der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld meinte, es sei schwierig, die Soldaten im Ausland einer Zensur zu unterwerfen: "Sie laufen mit ihren Digitalkameras herum, knipsen diese unglaublichen Fotos und reichen sie verbotenerweise und zu unserer überraschung an die Medien weiter."
  Einigermassen verblüffend ist, dass solches überrascht, denn dass dem Menschen eignet, seine Meinung, auch in der Form von Bildern, der Welt kund tun zu wollen, ist ja nun nicht gerade neu. Kommt dazu, dass wir im Westen in einer Kultur leben, in der für viele — sollten denn die nachmittäglichen TV-Talkshows ein Indikator sein — fast nichts schlimmer scheint, als noch nie im Fernsehen aufgetreten zu sein.
  Das sei nicht das Amerika, das er kenne, soll Herr Bush gesagt haben, als er die Folterfotos sich angesehen. Dass er — und die massgeblichen Leute um ihn herum — in einem ganz andern Amerika leben, hat wohl nicht viele überrascht.
  Wenn es denn vergleichbare Bilder gebe, dann womöglich die von schwarzen Lynchopfern, aufgenommen zwischen 1880 und 1930, welche amerikanische Kleinbürger zeigen, wie sie unter den nackten Leichen schwarzer Frauen und Männer, die an Bäumen aufgehängt sind, posieren, schreibt Susan Sontag. Also doch nichts Neues, alles schon einmal dagewesen? Der Unterschied sei, wenn es denn einen gebe, so Sontag, dass Kameras heute allgegenwärtig seien. Und dass wir in einer Gesellschaft lebten, in der Gewaltfantasien als unterhaltender Spass betrachtet würden. Der ehemalige Watergate-Einbrecher und heutige celebrity preacher Charles Colson hingegen meint, es liege daran, dass die Gefängniswärter von MTV und Pornografie korrumpiert worden seien. Und James Inhofe aus Oklahoma, republikanisches Mitglied des Streitkräfteausschusses im Kongress ist der Auffassung, da es sich bei diesen Gefangenen beileibe nicht um Verkehrssünder, sondern um Mörder, Terroristen und Aufständische handle — dass, nachdem die Fotos publik wurden, Hunderte von Gefangenen entlassen wurden, steht dieser Behauptung allerdings entgegen — solle man doch jetzt nicht dermassen viel Aufhebens um diese Geschichte machen.
  Fotos, um verstanden werden zu können, müssen im Kontext gesehen werden. Der Kontext hier ist ein berüchtigtes Gefängnis in einem Krieg und die Fotos zeigen uns, wie es da unter anderem zugeht. Doch Fotos machen nicht nur Dinge sichtbar, sie verschleiern auch — sie tun dies, indem sie unsere Aufmerksamkeit lenken: die meisten von uns werden wohl Abu Ghraib — das Medienbombardement hat dafür gesorgt — heutzutage nur noch mit amerikanischer, nicht jedoch mit irakischer Folter unter Saddam Hussein, in Verbindung bringen. Doch es gibt noch einen weiteren Kontext: dieser Krieg wurde im Namen der Freiheit, der Demokratie und im Namen von Gut gegen Bös angezettelt — und wir kriegen jetzt auf Bildern vorgeführt, dass die selbsternannten Guten weit weniger gut sind, als dass die offiziellen Verlautbarungen uns jeweils glauben machen wollen, und dass sie nicht für Freiheit und Demokratie stehen, sondern für eine (wohl unfreiwillige) Verhöhnung des amerikanischen Idealismus (den es nach wie vor gibt, wenngleich das bei den Herren Cheney oder Rumsfeld nicht so besonders augenfällig ist).
Next "Es sind nicht die Fotos, auf die es ankommt, sondern das, was sie enthüllen", schreibt Sontag. Doch enthüllen diese Fotos wirklich, dass diese Vorkommnisse "auf Veranlassung und mit dem stillen Einverständnis einer Kommandokette, die bis in die höchsten Ränge der Bush-Administration hinaufreicht" geschehen sind? Wohl nur dann, wenn man das darin sehen will, denn Fotos enthüllen dem Betrachter nur, was er bereit zu sehen ist — ein Glas ist eben immer noch so halbvoll wie es auch halbleer ist.
  Trotzdem, diese Amateurfotos — und die Geschichten, die sie ausgelöst haben — haben uns wieder einmal vor Augen geführt, dass es in einem Krieg nie besonders anständig zu geht — und das war nötig, weil wir sonst wohl bald einmal gemeint hätten, Krieg, das seien grüne Punkte und Blitze auf unseren Fernsehschirmen — und sie haben bewirkt, dass wir zuhause plötzlich wieder Bilder, und damit menschliche Schicksale (wie kann sich jemand nur triumphierend neben einer Leiche [ein Folteropfer?] fotografieren lassen?) im Kopf haben, wenn wir Irak hören.
  Fotos vom Krieg könnten nie vermitteln, wie es vor Ort wirklich zu und her gehe, hat Susan Sontag in einem früheren Essay, Looking at war, geschrieben. Das wäre auch etwas viel verlangt von zweidimensionalen Reduktionen einer dreidimensionalen Wirklichkeit, die weder tönen noch riechen.
  Zu erinnern wäre gleichwohl an die Worte Donald Rumsfelds. Falls weitere Fotos und Videos an die öffentlichkeit gelangten, meinte der, würde alles nur noch schlimmer — es fragt sich nur für wen? — werden. Das eigenartig "Reale," das Fotos auszeichnet — und das sowohl Gemälden als auch Worten abgeht — scheint eben doch mehr Wirklichkeit zu vermitteln, als uns erklärbar ist.
   

  Literatur
 
  • Sontag, Susan (2004), "The photos are us." In: The Guardian, May 24, 2004.
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  2004 © Hans Durrer / 2004 © Soundscapes