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volume 20
juli 2017

Was Pressefotografien meist nicht zeigen

 





  Op-ed
Hans Durrer
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Next Pressefotografien zeigen die Welt nicht wie sie ist, Pressefotografien zeigen die Welt, wie ein Fotograf (Frau oder Mann) sich diese Welt beziehungsweise einen Ausschnitt davon für einen Moment zu sehen (und dem Publikum zu zeigen) entschieden hat.
  Die Sichtweise des Pressefotografen ist von ganz unterschiedlichen Faktoren (Alter, Geschlecht, Ausbildung etc.) und nicht zuletzt von seinen persönlichen und kulturellen Voreingenommenheiten geprägt. Die so speziell nun allerdings auch nicht sein können, denn wie wäre sonst die Uniformität vieler Pressebilder zu erklären: Wieso, ums Himmels Willen, zeigt man uns eigentlich ständig Aufnahmen von sogenannten "world leaders", die sich die Hände schütteln oder den Zeigefinger aufs Publikum richten (soll das etwa andeuten, man wisse in welche Richtung es gehen solle?)?
  Betrachtet man etwa Bilder von winkenden Politikern vor der geöffneten Flugzeugtür, ist man gut beraten, die eigene Vorstellungskraft zu bemühen und sich gelegentlich zu fragen, was solche Aufnahmen alles nicht zeigen (etwa, dass solche Flieger in aller Regel in ziemlicher Distanz vom Flughafengebäude und nicht in Sichtweite begeistert zurück winkender Menschenmassen stehen).
  Fotografieren bedeutet einrahmen. Der frühere Leiter der Fotografie-Abteilung des New Yorker MoMA, John Szarkowski, bezeichnete das Einrahmen einmal als die Essenz des fotografischen Handwerks, bei dem die zentrale Frage für den Fotografen laute: Was soll ich ins Bild nehmen? Was soll ich ausschliessen? Der Bildrahmen definiert den Inhalt.
Next Erstes Bild; copyright 2017 © Doug Mills / The New York Times

Am 9. Juni 2017 veröffentlichte die New York Times zwei Aufnahmen des entlassenen FBI-Direktors Comey bei seiner √∂ffentlichen Befragung vor dem Senate Intelligence Committee. Die eine war von vorne aufgenommen, die andere von hinten. Das erste Bild machte Doug Mills, der Fotograf, mittels einer Kamera auf einem Einbeinstativ, das er emporhielt. Für das zweite Bild hatte Mills, selbst Mitte links zu sehen, vorgängig drei verschiedene Kameras installiert und drückte via Fernbedienung auf den Auslöser. Mills zeigt jedoch nicht einfach Comey, sondern Comey und seine nähere Umgebung. Genauer: So sieht es aus, wenn die Bildfraktion der so genannten vierten Gewalt geballt in Aktion tritt.

  Die beiden Fotos machen aber noch ganz anderes transparent: sie zeigen, dass die Ausschnitte dieser öffentlichen Befragung, die man im Fernsehen hat sehen können (etwa eine Senatorin im Profil, die Fragen stellt, Comey im Profil, der darauf reagiert) ein vollkommen verzerrtes Bild vermitteln, da sie eine fast private Befragung suggerieren.
  Zweites Bild; copyright 2017 © Doug Mills / The New York Times

Pressebilder brauchen nicht nur aussagekräftige Bildlegenden, die sich an den journalistischen Grundsätzen für Texte orientieren sollten (also über das Wie, Wann, Wo, Warum, und für welchen Zweck sie gemacht wurden, informieren), sondern auch eine visuelle Kontextualisierung. Etwa indem man, wie es Doug Mills mit diesen zwei Aufnahmen überzeugend vorführt, dieselbe Szene aus verschiedenen Perspektiven fotografiert. Oder aber indem man dasselbe Motiv zeitlich gestaffelt zeigt, also das Gruppenfoto der Politiker mit einer Aufnahme von der Vorbereitungsphase der Gruppenaufstellung sowie dem anschliessenden Auseinandergehen ergänzt.

Next Denkbar wäre natürlich auch diese wesentlich radikalere Variante: Wenn regelmässig Bilder von Politikern gezeigt werden, die von den tapferen Männern und Frauen in Uniform sprechen, die grosse Opfer bringen, um Amerika/England/Deutschland etc. sicher zu machen und unsere Freiheit zu bewahren, wäre es so recht eigentlich angebracht, gleichzeitig Bilder von jungen Männern und Frauen in ihrer Alltagsumgebung zu zeigen, die meist finanzieller und anderer Schwierigkeiten wegen und nicht etwa zur Bewahrung "unserer" Freiheit, sich der Armee angeschlossen haben.
  Es ist eher unwahrscheinlich, dass eine solche Variante je wirklich werden wird. Unsere Sicht auf Pressebilder kann sich gleichwohl ändern. Vorausgesetzt, sie sind uns Anlass, zu fragen, was sie uns wohl alles nicht zeigen — die Bilder, die solches Fragen auslöst, sind manchmal eindrücklicher als die Fotos, die man uns zeigt.
   
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