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volume 4
mai 2001

Angel Radio für eine besondere Zuhörerschaft

 





  Ein Radiostation für die Altersgruppe von über 60 Jahre
von Hans Knot
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  Die Radio Authority in London hat eine Lizenz für den Start einer Kabelradiostation, die sich auf eine Zuhörerschaft auf der Insel Wight und Portsmouth und Umgebung richtet, verliehen. Eigentlich nichts besonderes. Angel Radio, jedoch, ist eine auffällige Organisation, welche die Zielstellung hatte, ein Programm auszuführen, das sich auf die Altersgruppe von über 60 Jahre richtete. Hans Knot erzählt die Geschichte dieses besonderen Initiative.
 
1 Die Radio Authority in London hat eine Lizenz für den Start einer Kabelradiostation, die sich auf eine Zuhörerschaft auf der Insel Wight und Portsmouth und Umgebung richtet, verliehen. Eigentlich nichts besonderes. So wie viele Stationen in den letzten Jahren ist auch diese Station entstanden, nachdem man als Organisation einige Male mit Erfolg eine RSL-Lizenz für die Dauer von 28 Tagen auf der Insel Wight, in Portsmouth und einmalig in Südwest London betrieben hatte. Solche Lizenzen wurden in Groß Britannien in der Vergangenheit häufig an Stationen mit sehr geringer Leistung mit dem Ziel vergeben, bestimmte Festivitäten mit Hilfe von Radioprogrammen zu begleiten. Aber die Radio Authority hat in den letzten Jahren immer mehr Anfragen für solche Lizenzen, die an einem bestimmten Ort lediglich zweimal pro Jahr durch dieselbe Organisation betrieben werden dürfen, erhalten.
2 Indem ein gutes Programm in der vierwöchigen Periode ausgeführt wird und bei Wiederholung zu beweisen, das man als Organisation, häufig größtenteils aus Freiwilligen bestehend, das Betreiben einer Radiostation bewältigen kann, ist es sehr wohl möglich lokale und regionale Autoritäten und Finanziers zu locken, um sich an einer ILR (Independent Local Radio) oder lokalen Radiostation zu beteiligen. Ein gutes Beispiel dafür sind die vielen RSL's, die seinerzeit durch Bob Le Roi und die seinen in Rochester in der Grafschaft Kent organisiert wurden. Als Folge davon wurde das erfolgreiche Medway FM gegründet, eine Station, die inzwischen wegen Erfolgs durch eine der großen Organisationen, die mehrere Stationen besitzen, aufgekauft wurde. Angel Radio ist also eine der vielen RSL-Stationen, die in den vergangenen Jahren aktiv gewesen ist. Es geht dabei um eine nicht gewinnbringende Organisation, die die Zielstellung hatte, ein Programm auszuführen, das sich auf die Altersgruppe von über 60 Jahre richtete. Im Jahre 1999 kam man in sämtliche nationale Zeitungen, da das erste RSL außerdem die folgenden Zielsetzungen bei der betagten Zielgruppe hatte: Verstärkung der geistigen Gesundheit der Zuhörer, mit Hilfe von für diese Gruppe attraktiven Musik und gesprochenen Programmen. Außerdem wollte man die Senioren einen wichtigen Bestandteil des Zusammenlebens sein lassen. Eine weitere Zielsetzung war das Herausholen von Senioren aus ihrer Isolation. Untersuchungen haben deutlich gemacht, dass diese Zielgruppe mehr als andere Zuhörergruppen Radio hört. Eine während eines der RSL's ausgeführte Untersuchung zeigte, dass 82% der Zuhörer sogar mehr als 8 Stunden pro Tag diese Station belauschte. Außerdem hörte man in viel längeren Segmenten. Selbstverständlich ist diese Tatsache für Inserenten überhaupt nicht interessant, immerhin haben die "Alten" nicht das Geld oder kein Interesse, um deren Produkte anzuschaffen.
3 Das geringe Leistungsvermögen der Übertragungen brachten aber dennoch die nötigen Probleme für die Senioren mit sich, um ihre bevorzugten Programme zu hören. Aber selbst in ihrem hohen Alter waren sie einfallsreich. So setzte eine 90-jährige Frau ihr Transistorradio auf ihren Laufwagen und lief danach damit durch ihr ganzes Haus bis sie den Platz gefunden hatte, wo sie in dem Augenblick den besten Empfang hatte. Ein 76-jähriger Mann in Portsmouth entdeckte, dass seine bevorzugte Station lediglich in seinem Badezimmer zu empfangen war. Während der RSL's verbrachte er durchschnittlich sechs Stunden pro Tag dort, um Angel Radio hören zu können. Und dann gibt es noch die Geschichte einer Frau, die entdeckte, dass, wenn sie die Transistorantenne gegen die Metallstifte in ihrer Kunsthüfte legte, sie einen perfekten Empfang erzielte.
4 Was die Verstärkung der geistigen Gesundheit betrifft, so propagierte man während der RSL Sendungen Genesungstherapie, um diejenigen, die an Gedächtnisverlust leiden, die Möglichkeit zu bieten, einigermaßen zu genesen. Programmleiter ist Tony Smith. Er und sein Team denken, dass freundliche und vor allem relaxte Präsentation/Moderation für Zuhörer mit einer Hirnschädigung, Alzheimer und Demenz eine Erleichterung in ihrem schweren Leben bringen kann. Wie bekannt, haben solche Zuhörer vor allem Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. Durch die Art der Präsentation und durch das Bringen von alter Musik werden alte Erinnerungen zurückgeholt, die schon viele Jahre verschwunden waren. Andere Themenprogramme schenkten ihre Aufmerksamkeit unter anderem an Prostatakrebs, Herz- und Kreislauferkrankungen, Parkinson und Gehirnblutungen. Eine Untersuchung unter der Zuhörerschaft in Sachen des Nutzens dieser spezialen Gesundheitsprogramme ergab, dass 77% der Befragten zweifellos von dieser Form von Radio profitierten.
5 Außerdem gab man der Zuhörerschaft die Möglichkeit, sich Musik aus der Periode 1900 bis einschließlich 1959 zu wünschen — Musik, die auf keiner anderen Station in England zu Gehör gebracht wird. Absolute Publikumslieblinge sind Doris Day, Bing Crosby, Perry Como, Mario Lanza und die sogenannten Wartime Songs. Wünsche der Zuhörerschaft hatten immer den Vorrang vor der durch die Macher des Programms ausgewählten Musik. Auf diese Art und Weise füllte man ca. 6 Stunden an Wunschmusik pro Tag. Während des RSL von September 2000 wurden so 1456 Wunschplatten zu Gehör gebracht. Aber Angel Radio programmierte auch alte Radioprogramme aus der Zeit vor 1960. So kamen unter dem Nenner "Vintage Radio" unter anderem Folgen von The Goons, Dick Barton Special Agent, The Hancock Half Hour und ITMA vorbei. Natürlich wurden die Talente der älteren Einwohner innerhalb des Rundfunkgebietes nicht vergessen. Diese wurden mit Hilfe von Interviews und Dokumentationen unter die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft gebracht. Außerdem war beinahe 70% des 54-köpfigen Moderatoren- und Technikerteams von Angel FM älter als 60 Jahre. Smith führt an, dass das Musikarchiv von Angel FM pur aus Originalaufnahmen aus der genannten Musikperiode besteht. Musik also produziert vor 1960. Die Sammlung an 78-Tourenplatten ist zweifellos die größte Sammlung der Welt, die bei einer Radiostation verwendet wird. Der Großteil davon ist natürlich in Mono. Damit war Angel FM im vorigen Jahr die einzige Station auf der Welt, die in Mono via FM ihre Programme aussendete. Und auch dies ist wiederum ein Vorteil für die Zuhörerschaft: Das Signal ist für die Senioren im Vergleich mit dem häufig in hoher Kompression ausgesendeten Stereosignal der Radiostationen viel besser erkennbar und weniger irritierend.
6 Dem Programmleiter Tony Smith zufolge, mußten sich die Präsentatoren auch nicht maximal anstrengen, um allerlei up to date Informationen wie Verkehrsinformationen, Wetterberichte, Horoskope und andere normale Dingen auf dem Radio zu bringen. Auch Zeitangaben beschränkten sich auf maximal zweimal pro Stunde. Man hatte eine totale Freiheit bei der Musikauswahl, vorausgesetzt, dass diese innerhalb des genannten Zeitabschnitts fiel. Playlist oder Karten mit darauf Texten, vorgeschrieben durch einen Programmleiter, gab es dann auch nicht bei Angel FM. Man ging noch einen Schritt weiter: Die Zuhörerschaft wurde auch zu Hause besucht, um sie zu interviewen. Hauptthema waren die Erinnerungen, die man selbst an früher hatte. Außerdem gründete man eine "Sing-along" Gruppe, die während der Sendungen Altenheime besuchte, um Senioren ans Singen zu bekommen. Natürlich auch mit dem Ziel, dies wiederum an andere Zuhörer während der Aussendungen hören zu lassen. Des weiteren gründete man einen Freundesclub. Dadurch versuchte man, das feste Publikum noch stärker an Angel FM zu binden. Neue Mitglieder bekamen ein Schreibset, eine Zeitschrift und eine Kassette mit Musik, die Angel FM programmierte. Dies alles mit dem Ziel, um sich als Mitglied der großen Angel Familie zu fühlen.
7 Das Studio war im Reminiscence Centre in Wootton auf der Insel Wight gefestigt. Dort war auch ein spezielles Zimmer für Besucher eingerichtet, die während des Genusses einer Tasse Kaffees, Musik nach eigenem Wunsch belauschen konnten. Die RSL-Sendungen, die jeweils 15.000 Pfund kosteten, wurden durch die lokale Behörde/Regierung, durch lokale Organisationen und durch Spenden von Zuhörern finanziert. Auch kommt ein Teil des Geldes über den Verkauf von Merchandising rein. Dazu ist man einen Partnerschaftsverband mit Pavilion Records eingegangen. Bei Pavilion Records werden allerlei einzigartige Aufnahmen auf CD's herausgebracht, für die via Angel Radio geworben wird. Ein Teil der Einnahmen landet in der Kasse der Station. Das das Programm ein Erfolg war, wird auch durch die Tatsache deutlich, dass die ebenso im Zuhörergebiet zu empfangene lokale BBC Station Radio Solent, ihre Programmierung an die älteren Zuhörer anpaßte. Man sendete bei Angel FM während der RSL-Programme 24 Stunden pro Tag aus. Dies ist bei RSL's nicht gebräuchlich. Ziel war es, auch die Zuhörer zu erreichen, die in den nächtlichen Stunden den Schlaf nicht finden konnten.
8 Nach den erfolgreichen RSL's wollte man eine offizielle Lizenz erreichen. Diese wurde vor kurzem durch die Radio Authority unter dem Nenner "Cabelradio" verliehen. Angel FM ist demnach via Kabel zurück und nun glücklicherweise für eine längere Periode als 28 Tag, nämlich endgültig. Neben den Kabelfrequenzen will man außerdem, wenn man die Zustimmung bekommt, die 1242 kHz Frequenz verwenden. Diese Frequenz wurde bis vor kurzem durch Isle of Wight Radio verwendet. Diese Station ist zur FM übergesiedelt. Die derzeitige Zuhöreranzahl liegt durchschnittlich bei 35.000. Die Programme können zwar durch lokale Firmen gesponsort werden, aber Reklameblöcke bleiben bei Angel FM tabu.

Schließlich meldet Programmleiter Tony Smith, dass man beabsichtigt, eine sogenannte "Access Radio Licence" zu erwerben. Dabei handelt es sich um eine Lizenzart, die in Kürze eingeführt werden soll und die lediglich an Organisationen mit spezialen Zielsetzungen vergeben wird. Das Angel FM unter diese Zielsetzungen fallen wird, sollte deutlich sein. An der Internetsite, die sehr veraltet ist, muß allerdings noch gearbeitet werden. Man ist unter der folgenden Adresse auf dem Internet, mit einer Geschichte über die Station zu finden: Angel Community Radio.

   
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