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volume 5
august 2002

Von der Galaxy zur MEBO I und von dort aus wieder zur MEBO II

 





  Der lange Anlauf von Radio Nordsee International
von Hans Knot
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  Die ersten Pläne für den Seesender Radio Nordsee International wurden bereits Mitte des Jahres 1968 geschmiedet. Doch verstrichen noch beinahe 18 Monate bevor die Station — Ende Januar 1970 und dann von einem anderen Schiff wie ursprünglich beabsichtigt — on Air kam. Hans Knot nimmt den langen Anlauf von Radio Nordsee International an dieser Stelle ausführlich mit uns durch.
 
1 Die MV Galaxy im Hafen von Hamburg

Der Start einer facettenreichen Popstation. Am 15. August 1967 trat in England das Gesetz in Kraft, das die Geschichte als Marine Offences Act einging. Das Gesetz schuf für die Briten ein offizielles Verbot, um auf welche Art und Weise dann auch, an den Programmen der Seesender mitzuarbeiten. Das Verbot galt auch für die Belieferung der Radioschiffe und das Aussenden von Reklame auf den Seesendern. Radio Caroline widersetzte sich mit ihren beiden Schiffen gegen den Gesetzgeber und ging mit den Programmen bis zum 3. März 1968 durch. Ein unzufriedenes Unternehmen — die Firma Wijsmuller — die unter anderem für die Belieferung der beiden Schiffe und die Lieferung de nautischen Personals verantwortlich war, ließ beide Schiffe von ihrer Ankerposition in den Hafen von Amsterdam schleppen, wo sie festgelegt wurden.

Die bekannte lange RNI-Jingel "Radio is king of the media" von Jason Wolfe, von einer Promoplatte aus den 60er Jahren, die damals unter den Teilnehmer des jährlichen Kongresses "The National Association of Broadcasters" verteilt wurde. Einer der RNI-Jocks nahm diese Platte mit auf die MEBO II und danach muß Wolfe sie gefunden haben. Es gibt kurze und lange Versionen der betreffenden Jingle. Von den längeren Versionen wurden wieder verschiedene kurze gemacht und Teile der Jingels wurden wiederum in anderen Jingels verarbeitet.
  In der Periode, die darauf folgte, hatte die Jugend noch lediglich drei Stationen, die sie echt mit viel Spaß hören konnten, zumindest wenn es um gute Popmusik ging. Radio Veronica gab es noch immer von ihrem Radioschiff, der MV Norderney, aus, während aus Luxemburg die gleichlautende Radiostation ihre Zuhörerschaft mit Programmen in Niederländisch, Deutsch, Französisch und Englisch überraschen blieb. Und dann gab es natürlich noch Hilversum III, der Vorgänger des heutigen 3FM. Die Station war allerdings noch lange nicht horizontal programmiert und sicher nicht in der Lage, um das Versprechen der Regierung die Seesender — wo den ganzen Tag lang Programme auf einem guten Niveau zu hören waren — wo den ganzen Tag lang Programme auf einem guten Niveau zu hören waren — wirklich zu ersetzen.
  Das Ende der Seesender hatte eine deutliche Lücke hinterlassen. Das war auch bemerkbar, denn beinahe monatlich konnte man in den Zeitungen Gerüchte lesen denen zufolge wieder ein neues Projekt von See aus aufgebaut werden sollte, um den Streit gegen die nationalen Popstationen aus den Niederlanden und aus England — Hilversum III und BBC Radio One — anzugehen. Lediglich eines dieser Gerüchte sollte sich später bewahrheiten. Von internationalen Gewässern aus, sollte eine neue und facettenreiche Popstation zu hören sein. Aber bevor es soweit war, mußten die Initiatoren die nötigen Probleme überwinden.
2 Eine neue Farbe für die MV Galaxy. Von den Seesendern der 60er Jahre war Wonderful Radion London eine der populärsten Radiostationen. Die Station hatte seit Dezember 1964 via 266 Meter ausgesendet und außerdem dafür gesorgt, dass das sogenannte Top-40-Format in Europa eingeführt wurde. 1967 kam ein Ende an die Aussendungen. Die Eigentümer beschlossen, sich nicht gegen das eher genannte britische Gesetz zu versetzen und am Montag, dem 14. August 1967, aus dem Äther zu verschwinden. Beinahe direkt nach der Aufhebung der Station wurde das Radioschiff — die MV Galaxy, ein früheres Minensuchboot (MV Density) aus den Vereinigten Staaten — am 19 August 1967 in den Hafen von Hamburg gefahren, wo es am 21. August eintraf. Hier bekam das Schiff einen vorläufigen Liegeplatz in der Elbe, um später zum Dock 20 geschleppt und an einen Griechen zu einem Betrag von 10.000 Englischen Pfund — ein Betrag, der umgerechnet auf die damaligen Kosten sicher 45.000 Euro bedeutet — verkauft zu werden. Niemand wußte, wie die eventuelle Zukunft des Schiffes aussehen würde. Bis am 17. April 1968 die ersten Gerüchte die Runde machten.
 
  Ankündigung des Vollstreckungsverkaufs der MV Galaxy (Klick auf die Abbildung für eine größere Wiedergabe)
  Durch die DPA, die Deutsche Presse Agentur, wurde ein Bericht in Umlauf gebracht, der auch in einigen niederländischen Zeitungen erschien. Unter dem Titel "Neuer Piratensender im Kommen" wurde gemeldet, dass die MV Galaxy durch ein Schweizer Reklamebüro aus Sankt Gallen aufgekauft worden war und als Radioschiff ausgerüstet werden sollte, um danach in internationalen Gewässern auf einer Position zwischen Helgoland und Schevingen verankert zu werden. Dem Bericht zufolge sollte die definitive Position erst nach eine Periode von Testaussendungen bekannt gemacht werden.
  Im Monat August des Jahres 1968 kam der folgende Bericht und dann aus dem Munde von Klaus Quirini, dem Vorsitzenden des Deutschen Deejay Verbandes aus Aachen heraus. Quirini arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Diskjockey in Zürich. Auf Grund eines Berichtes in der "Neuen Züricher Zeitung" war er durch die Eigentümer des genanntes Reklamebüros, "Gloria International", gefragt worden, um als Deejay und Programmleiter der zukünftigen Station zu fungieren. Diese zukünftige Station war bereits mit dem Namen "Projekt Radio Nordsee" benannt worden. Er meldete, dass das durch die Schweizer finanzierte Projekt vielleicht am 1. Dezember 1968 von Start gehen würde. Nach gut zwei Monaten von Stillschweigen war es am 28. Oktober des selben Jahres das "Allgemeine Tagesblatt" (Algemeen Dagblad), das meldete, dass bald das erste deutsche Seesender-Projekt unter dem Namen Radio Nordsee International auf einer Position zwischen Helgoland und der Deutschen Küste von Start gehen würde:
  "Man wird 20 Stunden pro Etmal Programme versorgen. Die Aussendungen beginnen wahrscheinlich schon am 1. Dezember auf der Wellenlänge von 266 Metern. Hinter diesem so geheimnisvollen Projekt steht ein in Liechtenstein niedergelassener Geschäftsmann. Das Radioschiff soll die frühere MV Mi Amigo sein, die nach dem Verbot der Piratensender ihre Aktivitäten einstellen mußte. Das Schiff wird in einem niederländischen Hafen ausgerüstet und bekommt eine Besatzung von 28 Personen. Das Radioschiff wird in Jamaika registriert werden. Via einer Agentur in Aachen wurden bereits 6 Deejays angeworben. Die Deutsche Regierung wird wenig unternehmen können, da die Apparatur aus Deutschland stammt."
  Eine deutlich verwirrte und in Verwirrung bringende Geschichte, wobei der betreffende Journalist zwar etwas gehört aber nicht kontrolliert hatte, welches Radioschiff es in Wirklichkeit war und das man auszurüsten probierte. In den deutschen Zeitungen, darunter in der "Frankfurter Rundschau" und die Zeitschrift "Crash", standen Berichte über "Die Musikpiraten". Inzwischen wurde im Hafen von Hamburg energisch der Pinsel geschwungen, denn als ich im Monat Dezember des Jahres 1968 einen Blick in Hamburg nahm, erwies sich das Schiff als prächtig in Weiß gestrichen. Auch im Schiff waren die nötigen Malerarbeiten verrichtet worden. Aber an der Ausrüstung der Studios, so konnte konstatiert werden, war nichts getan worden.
 
  Wohl aber wurde in der deutschen Presse inzwischen ein neues Startdatum genannt, nämlich der 12. Dezember 1968. Untersuchung wies aus, dass hinter dem erwähnten Schweizer Reklamebüro "Gloria International" die Herren Norbert Gschwendt und Emile Lüthi saßen. Einen Tag später gab es in einer Zeitung ein Interview zu lesen, in dem die beiden Herren erzählten, dass all die Arbeit an den Studios und Sender abgerundet war und dass die Programme innerhalb einer Woche beginnen konnten. Diejenigen, die so wie ich im Dock 20 der Firma Finkenwerder, Teil der Howaldts Werke-Deutsche Werft AG, waren, hatten selbst konstatieren können, dass die Behauptungen der beiden Herren alles andere als richtig waren.
3 Der Einzug von Meister und Bollier. Am 25 Januar 1969 wurde bekannt, dass Lüthi sich aus dem Seesender-Projekt zurückgezogen hatte, da er angesichts von Äußerungen von deutschen Regierungsbeamten keine Möglichkeit mehr auf ein finanziell gesundes Projekt sah. Die Regierung von Westdeutschland erwägte nämlich die Einführung eines Anti-Seesendergesetzes nach dem Beispiel des britischen Marine Offences Act. In einer Erklärung machte Lüthi noch bekannt, dass noch kein einziger Vertrag mit einem potentiellen Inserenten unterzeichnet war, da jeder erst abwarten wollte, ob das Projekt tatsächlich ausgeführt und ob ein gutes Signal in den Äther gebracht werden würde. Der andere Finanzier, Gschwendt, organisierte direkt nach dem Fortgang seines Partners eine teure Champagner-Party und mietet einige kleine Flugzeuge, um die Vertreter der Presse über "sein Radioschiff" im Hafen von Hamburg fliegen lassen zu können.
  Inzwischen waren die Pläne der westdeutschen Regierung, um Maßregeln gegen eventuelle Seesender zu nehmen, die von Westdeutschland aus operieren würden, sehr seriös geworden. Am 2. Juli 1969 trat das Gesetz im Land tatsächlich in Kraft, wodurch es unmöglich wurde, vom deutschen Grundgebiet aus Aktivitäten zugunsten eines Seesenders zu entwickeln. Aber an diesem bewußten 2. Juli 1969 lag die MV Galaxy noch immer ruhig vertäut im Hafen von Hamburg. Das eventuelle zukünftige Projekt hatten in diversen Zeitungen und Zeitschriften auch schon so viel Publizität bekommen, dass die Autoritäten nichts anderes tun konnten, als jeden Versuch die MV Galaxy außerhalb der nationalen Gewässer zu bekommen, zu unterminieren. Ausführlich wurde in der Presse deutlich gemacht, dass, sollte ein Versuch unternommen werden, dieser auf der Stelle zur Beschlagnahme aller Studio- und Senderapparatur leiten würde. Auch der zweite der Geschäftsmänner aus Sankt Gallen, Gschwendt, fand es zu dem Zeitpunkt besser, um mit dem Projekt zu stoppen.
  Letztendlich sollte am 28. September 1970 deutlich werden, dass die MV Galaxy am 2. Dezember 1970 gerichtlich namens diverser Gläubiger verkauft werden sollte — ein Verkauf, der letztendlich nichts erbrachte, wodurch das Schiff noch Jahre in Hamburg und Kiel vertäut lag, um da schließlich zu sinken. Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde das Schiff gehoben und abgebrochen. Lüthi und Gschwendt hatten es also aufgegeben. Aber damit war die Geschichte noch nicht vorbei. In der Zeit, dass die Pläne mit der MV Galaxy noch vollauf lebten, hatte das Duo zwei Landsmänner engagiert, die die technischen Anlagen für das Betreiben einer Radiostation an Bord des Schiffes instand halten und des weiteren einen Plan für eventuelles Ersetzen von Apparatur aufstellen sollten. Mit ihnen als Hauptdarstellern geht diese Geschichte weiter.
  Diese beiden Schweizer, Erwin Meister und Edwin Bollier, hatten nach dem Beschluß von Gschwendt, um auch zu stoppen, ziemlich schnell die Idee, einfach selbst ein solches Projekt zu beginnen. Das erste benötigte Geld kam aus eigenen Quellen über die Bankrechnung von der in Zürich gefestigten MEBO Ltd. Dieses Unternehmen war Eigentum der beiden Herren und der Name ist eine Zusammensetzung der ersten beiden Buchstaben der beiden Namen. Angesichts des Mißlingens der Ausrüstung der MV Galaxy in Deutschland, beschlossen sie, dass wenn ein Schiff gekauft werden sollte, dieses in einem Land auszurüsten, das kein Gesetzt gegen die Seesender hatte. Dieses Land sollte die Niederlande werden.
4 Die MV Bjarkoy wird umgetauft als MV MEBO

Die MEBO I und die MEBO II. Die Suche nach einem eventuell geeigneten Schiff, führte unter anderem nach Norwegen, wo Meister und Bollier bei der Werft Trondjem in Trondheim die MV Bjarkoy, ein Schiff von 347 Tonnen, kauften. Nach dem Kauf wurde das Boot in die Werft von De Groot und Vliet in Slikkerveer gefahren. Das Schiff wurde umgetauft in MV MEBO. Aber lange sollte dieser Name nicht beibehalten werden, da den beiden Schweizern relativ rasch durch einen Mitarbeiter der Werft deutlich gemacht wurde, dass das Verankern des Schiffes an einer Stelle in internationalen Gewässern vor der niederländischen Küste für die nötigen Problemen sorgen würde angesichts der Instabilität des für dieses Zieles zu kleinen Schiffes.

  Die Direktion der Schiffswerft gab Meister und Bollier den Tip, dass sie ein anderes Schiff regeln könnten, einen Norwegischen Trawler, die MV Silvretta, die 1946 auf dieser Werft gebaut worden war. Es war 186 Fuß — knapp 57 Meter — lang und hatte eine Tonnage von 630. Die MV Silvretta war in den vorhergehenden Jahren auf der Route Rotterdam - Antwerpen - Kopenhagen - Malmö oder Trelleborg und zurück via Aarhus oder Drammen und Tonsbeek gefahren. Dies hauptsächlich mit Papierprodukten. Der feste Liegeplatz dieses Frachtdienstes war Veltenaar in dem Tweede Katendrechtsehaven Oostzijde in Rotterdam. Nach dem Kauf der MV Silvretta wurde die MV MEBO anschließend umgetauft in MEBO I und die Silvretta in MEBO II. Im September 1969 wurde ein Beginn gemacht mit dem Umbau des Schiffes in ein Radioschiff, wobei unter anderem ein 52 Meter hoher Sendemast, der bis dahin höchst montierte auf einem Radioschiff, installiert wurde.
  Es sollte bis zum 22. November 1969 dauern bis die ersten Fotos und Publikation über die Anwesenheit des Schiffes in Slikkerveer in einer Zeitung erschienen. Damals wurde auch der Name zum ersten Mal erwähnt: Radio Nordsee International. Innerhalb von zwei Wochen sollte die für den Einbau in den Raum der MEBO II bestimmte Senderapparatur durch RCA Amerika abgeliefert werden. Die beiden Schweizer erklärten, dass das Schiff einen vorläufigen Liegeplatz vor der niederländischen Küste auf der Höhe von Scheveningen erhalten sollte, und dass die Programme in Deutsch, Niederländisch und in Englisch versorgt werden sollten. Neben Engländern, Niederländern und Deutschen sollten auch Österreicher ins Präsentatorenteam einbezogen werden. Die Eigentümer kündigten weiterhin an, dass bereits für viele Millionen an Werbeaufträgen seitens internationaler Firmen gebucht worden waren.
  Auf Fragen, ob man sich nicht vor Maßregeln der Niederländischen Autoritäten fürchten würde, antworteten die Herren, dass man keine Befürchtungen hätte, dass ein Gesetz eingeführt werden würde. Sollte dies dennoch geschehen, dann erwog man, um in der Zukunft in Richtung Mittelmeer abzureisen. Nicht alle Berichte waren richtig. Die eher zur Ausrüstung des Schiffes geplanten vier Millionen waren in jedem Fall reichlich hoch gegriffen. Anhand der Rechnungen der Schiffswerft zeigte sich später, dass für den Umbau des Schiffes und den Einbau der Apparatur durch die MEBO Ltd. insgesamt 612.397,93 Gulden bezahlt worden waren. Der Kauf der Silvretta hatte dazu noch 250.000 Gulden gekostet.
5 Die MEBO II verläßt den Hafen von Rotterdam

Eine neue Farbschicht. Am 26. November wurden die Herren nochmals durch die Presse und zwar im "Telegraaf" ans Wort gelassen. Viele Neuigkeiten konnten nicht an die früheren Berichte hinzugefügt werden, außer, dass man als eine Art Weihnachtsgeschenk zwei Wochen lang für die Europäische Jugend Wunschplatten drehen wollte. Erst danach sollten die kommerziellen Programme gestartet werden. Gesetzlich gesehen hatten sie in der Schweiz mit ihren neuen Aktivitäten keine Probleme, aber sollte dies in der Zukunft dennoch der Fall sein, dann hatte man, so äußerte man sich dieses Mal, eine Ausweichmöglichkeit in das afrikanische Serra Leone. Einen Tag später meldete die selbe Zeitung, dass die Direktion von Radio Veronica durch den Aufmarsch von RNI nicht geschockt war. Der damalige Kommentar von Bull Verweij: "Wir haben eine frei See und Radio Veronica hat nicht das alleinige Aufführungsrecht auf dieser See."

  Inzwischen wurde auf der Werft hart weitergearbeitet. Die MEBO II bekam einen neuen Anstrich, der in vielen Farben ausgeführt wurde, was später auch mit der MEBO I passieren sollte. Danach wurde bekannt gegeben, dass das Radioschiff am 29. November seine Position in internationalen Gewässern auf der Höhe von Noordwijk einnehmen würde, und dass wahrscheinlich am 1. Dezember 1969 mit Testsendungen via einem 105 kW-Sender, der auf 186 Meter abgestimmt wurde, begonnen werden sollte. Die Programme, so führte Bollier an, sollten bis in Warschau zu empfangen sein. Reklamezeit sollte für 200 Dollar per 30 Sekunden und 380 Dollar per Sendeminute verkauft werden. Des weiteren sollten Verhandlungen mit religiösen Organisationen über das Vermieten von Sendezeit mit einem Maximum von einer halben Stunde pro Block geführt werden.
  Die Sender waren inzwischen auch in unserem Land angekommen, wobei andere Zeitungen wiederum Einfuhrprobleme meldeten. Ihre Berichterstattung lautete, dass die Sender noch im Hafen des portugiesischen Lissabons stünden. Es ging um einen 105 kW Hauptsender und einen 10.5 kW Reservesender, die zuvor Besitz waren des Eigentümers von Radio 390. Außerdem gab es zwei Sender von 10.5 kW, die für Kurzwellenprogramme verwendet werden konnten und einen Sender mit einem Vermögen von 1.2 kW für FM-Programme. Die AM-Sender waren alle von RCA-Fabrikat. RCA war auch der Fabrikant einer der Kurzwellensender. Der andere stammte von Brwon Boveri, währenddessen der FM-Sender von der Marke Rhode & Schwarz war.
  Am 28. November wußte die "Volkskrant" zu melden, dass das Kabinett von Premier De Jong mit dem Kommen von RNI vor der Tür doch sicher ein Anti-Veronica-Gesetz einführen würde, da die Nachbarländer, die ein solches Gesetz hatten, sicherlich gegen die verstärkten Aktivitäten vor der niederländischen Küste protestieren würden. Man erwartete zunächst eine Maßnahme, die es ermöglichen würde, das Rundfunkgesetz so anzupassen, dass Radio Veronica einen Platz in der Rundfunkordnung bekommen könnte. Außerdem erwartete man direkte Schritte der belgischen, der deutschen und der britischen Regierung als es tatsächlich zu einer internationalen Station wie der von Meister und Bollier von der Nordsee aus kommen sollte.
6 Verhandlungen und Gerüchte. Einen Tag später hatten Meister und Bollier, die langfristig in Scheveningen im damaligen Grand Hotel verblieben, bereits eine Antwort auf die politischen Berichte. Sie erzählten, dass die MEBO II keinen festen Ankerplatz bekommen würde, sondern in internationalen Gewässern und dann auf der Höhe der belgischen, britischen, niederländischen und westdeutschen Küsten fahren würde. Man hatte sich dafür entschieden, da ein fester Liegeplatz angesichts der vielen herrschenden Stürme im Frühjahr und im Herbst auf der Nordsee zu viele Probleme verursachen würde. Außerdem verkündeten sie, dass Radio Veronica sich nicht zu ängstigen brauchte, da man von ihrer Seite keine Programme in niederländischer Sprache zu erwarten hätte.
  Inzwischen war allerdings durch die Direktion von Radio Veronica ein großer Geldbetrag an die Schweizer übergeben worden. Gesprochen wird über eine Millionen Gulden. Damit kaufte Radio Veronica einen Anteil am Radioschiff und außerdem war man sich darüber einig geworden, dass von der MEBO II aus niemals Programme in der niederländischen Sprache ausgesendet werden sollten. Das dies später, im März 1971, dennoch passieren würde, sollte schließlich zu dem berüchtigten Bombenanschlag auf das Radioschiff von RNI führen — das letztendliche Resultat eines Auftragen der Direktion von Radio Veronica an einige Taucher, um die Ankerkette des Schiffes kaputt zu machen. Aber, soweit war es noch lange nicht. Die große Frage vieler Journalisten, die sich für das zukünftige Projekt interessierten, war inzwischen: Woher haben die Schweizer das Geld, um ein solch teures Projekt auf See zu realisieren? Auf diese Frage antwortete Bollier, dass sie in 1968 eine große Bestellung nach Biafra hatten liefern können — dies im Auftrag von Caritas, einer römisch-katholischen Wohltätigkeitsorganisation. Außerdem hatte man gute Geschäfte mit Jugoslawien und anderen damaligen Ostblockländern machen können.
  Die MV MEBO II in all seiner Farbenpracht

Direkt nachdem der Name Biafra gefallen war, erschienen die seltsamsten Geschichten in den Zeitungen. So machte eine Geschichte die Runde, dass die beiden Schiffe im Auftrag der Regierung von Biafra ausgerüstet seien. Nach dem Fall der Regierung wären die beiden Schweizer mit den Schiffen aufgehalst gewesen, woraufhin sie beschlossen hätten, um sie dann eben selber zu verwenden. In einer andern Geschichte wurde angenommen, dass die Regierung von Biafra die Ausrüstung der MEBO II bezahlt hatte und dass mit dem Radioschiff politische Programme zu Gunsten der Regierung des afrikanischen Landes versorgt werden sollten. Schließlich machte noch ein Bericht die Runde, dem zufolge einige britische Politiker Mitfinanziers wären, und dass die Station in der Zukunft Propaganda gegen den damaligen britischen Premier Wilson aussenden würde.

7 Der erste Sendeton. Obwohl Meister und Bollier es versprochen hatten, kamen die Wunschplatten für die Jugend von Europa, die vor den Weihnachtsfeiertagen ausgesendet werden sollten, nicht. Man war vor dem Ende des Jahres einfach noch nicht klar für die Übertragungen. Am 6. Januar 1970 meldete die MEBO Ltd. in einem Pressebericht, dass es noch ca. zwei Wochen dauern würde, bevor man ausfahren könnte. Fachleute der niederländischen Post (PTT) gaben bekannt, dass eventuelle Sendungen auf 186 Meter nicht nur Interferenzprobleme mit den Programmen des Bayrischen Rundfunks, der die 1287 Meter verwendet, verursachen würde, sondern das auch Beschwerden der Küstenwachstationen in diversen Ländern, die vom Schiffahrtsverband Gebrauch machten und die etwas niedriger im Band saß als die Frequenz auf die RNI abgestimmt war, zu erwarten wären.
  Am 22. Januar 1970 wurde das Radioschiff dann endlich vor der Küste von Noordwijk verankert. Bevor das Schiff aus Slikkerveer abfuhr, hatten Zollbeamte, assistiert durch Ermittlungsbeamte der PTT, das Schiff inspiziert, um zu kontrollieren ob es um betriebsbereite Sender ging. Als dies nicht der Fall war, bekam man die Zustimmung abzufahren. Merkwürdigerweise war der Untersuchungsauftrag vom Botschafter von Panama ausgegangen, dem Land, wo Meister und Bollier das Schiff registrieren hatten lassen. Man wollte die Papieren einziehen lassen, wenn wirklich festzustellen gewesen wäre, dass es um ein betriebsbereites Radioschiff ginge.
  Es ist einleuchtend, dass der Botschafter von Panama diese Aktion unter dem Druck der niederländischen Regierung unternommen hat. Die Betroffenen waren allerdings vorbereitet. Die vitalen Teile, wie die Sendekristalle, waren um Problemen vorzubeugen natürlich nicht anwesend. Es waren auch nicht alle Sender an Bord. Ein Teil wurde am 25. Januar mit der MEBO I zum Radioschiff gebracht. Es erwies sich als eine enorme Arbeit, um die Sender, die in Kisten verpackt waren, an Bord der MEBO II zu bekommen. Auch mußte an diesem Tag eine 25 Tonnen schwere Ankerkette herübergehoben werden, aber letztendlich kam alles in Ordnung. Noch am selben Tag wurde der erste Testton via 6210 kHz ausgesendet. Nicht viel später konnte mit präsentierten Testprogrammen begonnen werden. Radio Nordsee International war damit eine Tatsache.
  In den darauf folgenden Wochen wurde mehrere Male in der Presse erklärt, dass die Regierung von Panama, auf Wunsch der niederländischen Regierung, die Registrierung der beiden Schiffe eingezogen hatte. Nichts ist weniger wahr. Während der darauf folgenden Jahre würde zum wiederholten Male die Registrierung der Schiffe verlängert werden. Zeugnis davon ist das anbei abgedruckte Dokument, wobei die erste Registrierung, die von Bjarkoy, auf den 11. Juni 1969 datiert ist ...
 
  ... und unterzeichnet durch den Botschafter selbst:
 
8 Die Ausrüstung. Wie lagen die juristischen Eigentumsverhältnisse, wie sah die Ausrüstung der MEBO II genau aus und wie kann der Senderpark an Bord technisch umschrieben werden? Nun dann, das Radioschiff war offiziell Eigentum von:
  MEBO Telecomunications AG
P.O.Box 113
Albisriederstr 315
CH 8047 Zürich, Switzerland.
  Eine Firma mit Erwin Meister, Edwin Bollier und Urs Emmenegger als Direktoren. An Bord des Radioschiffes waren natürlich Tanks für Öl mit 55 Tonnen Inhalt und für frisches Wasser mit 70 Tonnen Inhalt anwesend. Dann die Generatoren: zuerst ein Struver-Deisel 250k Va 3 Phasen 380v 50Hz, und dann noch zwei Exemplare Deutz 1 Phasen 250k Va 3 Phasen 380v, 50Hz. Für unter anderem die Beleuchtung des Schiffes sorgten zwei kleine Generatoren mit einer Leistung von 20kW Deutz Single-Phase 110v DC, 1x Lister Single-Phase 110v DC. Natürlich gab es via Batteriebetrieb eine Notbeleuchtung. Auf der Brücke war selbstverständlich ein Radar anwesend und weiterhin eine VHF-Radioverbindung für Notfälle über das VHF-Radiotelefon-System. Neben den Deejays und den Technikern waren auch immer als sogenanntes nautisches Personal ein Kapitän, ein Koch, ein Steward und minimal zwei Matrosen an Bord zugegen.
  Dann die Sender:
 
  • 1x RCA BTH 100B (105kW maximal ausgehende Leistung) Main MW 1367kHz;
  • 1x RCA BTH 10J (10.5kW maximal) Stand-by MW1367kHhz;
  • 1x RCA BHF 10B (10.5KW maximal) 6210kHz 49m Band SW;
  • 1x Brown-Boveri (10.5kW maximal) 9940kHz 31m and SW;
  • 1x Rhode & Schwarz (1.2Kw maximal) 100mHz FM Band.
  Die Ausrüstung von Studio 1 bestand aus:
 
  • Zwei EMT 930, Auto-Start-Plattenspieler;
  • zwei Revox A77 Tonbandgeräte;
  • drei Spotmaster 500 Serie NAB Jingle-Maschinen;
  • ein Neun-Kanal-Mischpult;
  • ein Electrovoice-Mikrofon.
  Für Studio 2 waren das:
 
  • Zwei EMT 930, Auto-Start-Plattenspieler;
  • drei Revox A77 Tonbandgeräte;
  • drei Spotmaster 500 series NAB Jingle-Maschinen;
  • ein Neun-Kanal-Mischpult;
  • ein Electrovoice-Mikrofon;
  • ein Mikrofon, das auf das Mischpult von Studio 1 verbunden stand.
9 Man Of Action. Zum Schluß dieses Artikels kehren wir noch eben zurück zu Klaus Quirini, dessen Name später noch assoziiert werden sollte mit dem Tune von RNI, "Man Of Action" von Les Reed and his Orchestra. Es war Ad Ronald, der 1969 an den Vorbereitungen von RNI beteiligt war und der uns erzählte, dass Meister und Bollier diese Platte von Quirini mit der Mitteilung erhalten hatten, sie einmal anzuhören, da sie ein prächtiger Tune für eine Radiostation wäre. Zugegeben, der Mann hätte keine besser Auswahl treffen können. Aber wer war nun dieser Quirini? Nun, er wurde 1941 geboren und absolvierte nach seiner Schulausbildung ein Praktikum bei einem Zeitschriftenverlag. Daneben profilierte er sich als Deejay und beansprucht für sich selber, der erste nicht- moderierende Deejay in Deutschland gewesen zu sein, der in einem Club/einer Tanzbar auftrat und damit, noch bevor der Name Diskothek Allgemeingut wurde, der erste "Diskotheken- Diskjockey" war. Das war 1959 — der Mann war damals 19 Jahre alt — im "Scotch Club" in Aachen, der damals noch nicht als eine Diskothek sondern als eine "Jockey-Tanz-Bar" galt.
  Als Schüler war er 1955 bereits Chefredakteur der Schülerzeitschrift "Welt der Jugend" und später wurde er Verleger von unter anderem der Boulevardzeitschrift "Die Schnauze". 1963 stand Quirini an der Wiege der DDO, der Organisation von Deutschen Deejays (Deutsche Diskjockey Organisation). Im Rahmen dieser Funktion verlegte er Blätter wie "DDO Nachrichten" und "Discotheken Rundschau". 1967 kam auf dem Vogue Label eine LP heraus auf der er Titel aneinander sprach. Quirini zufolge war auch dies wieder das erste Mal, dass dies in der Geschichte der Plattenindustrie passierte.
  1968 kam er in Kontakt mit Lüthi und Gschwendt, da er zu diesem Zeitpunkt für drei Monaten als Deejay in der Diskothek "Playground" in Zürich arbeitete. Der "Playground" war die erste Diskothek in der Schweiz und Quirini's Aktivitäten wurden in den "Neuen Züricher Zeitung" beschrieben. Auf Grund dieses Berichts wurde er durch Lüthi und Gschwendt für ihr Seesender-Projekt engagiert. Quirini, der später noch viel für die Musikindustrie bedeuten sollte, vermeldet deswegen in seinem persönlichen Lebenslauf: "1968: Programmleiter an Bord des Radioschiffes von Radio Nordsee International." Nu denn, dass mag vielleicht auf dem Papier wahr gewesen sein aber in Wirklichkeit echt nicht: Das Schiff gab es damals einfach noch nicht und als es 1970 einmal auf See lag, war Quirini schon lange nicht mehr an dem Projekt beteiligt. Das Schiff, an das referiert wurde, ist die MV Galaxy, das nie wieder als Sendeschiff fungiert hat. Wohl aber war Quirini einer der Gläubiger von Gloria International und liess er mit Erfolg das Schiff im Hamburg pfänden.
10 Die Regeln von Klaus Quirini. Was Quirini in jedem Fall aufgestellt hat, sind die Bedingungen für die ins Auge gefaßten deutschen Deejays an Bord des Radioschiffes. Man beabsichtigte die Deejays diese Regeln bei ihrer Einstellung, mit dem Versprechen sich bedingungslos an sie zu halten, unterzeichnen zu lassen. Sie lauteten wie folgt:
 
  • Man muß sich jederzeit an die Programmübersicht halten.
  • Zu spätes hineinkommen in das Studio vor dem Präsentieren eines Programmes und das nicht Aufräumen des Studios nach Programmende kann zur Entlassung führen.
  • Doppeldeutige Bemerkungen während der Präsentation sind nicht erlaubt.
  • Die Programme müssen qua Text immer in Notizform vorbereitet werden, die auf Wunsch an den Programmleiter vorgelegt werden müssen.
  • Die vor der Aussendung aus dem Archiv geholte Platten müssen nach dem Programm wieder an die selbe Stelle zurückgesetzt werden.
  • Der Deejay darf keine eigenen Platten oder Tonbandmaterial ohne die Zustimmung des Programmdirektors verwenden.
  • In des Tagesunterkünften und in den Kajüten des Schiffes muß immer auf äußerste Sauberkeit geachtet werden.
  • An Bord gefundene Gegenstände müssen immer beim diensthabenden Kapitän abgegeben werden.
  • Eigene politische Bemerkungen oder Bemerkungen über die in der Reklame gebrachten Botschaften sind in Redeform oder via Texten in der darauffolgenden Platte verboten.
  • Auf dem Schiff vorhandene Güter dürfen nicht ohne Zustimmung umgestellt und sicher nicht vom Schiff an Land mitgenommen werden.
  • Alles Bandmaterial an Bord, das mit dem Sticker "Radio Nordsee" markiert ist, ist Eigentum der Besitzer des Radioschiffes.
  • Auf abzuhaltenden Pressekonferenzen haben sich die eingeladenen Deejays ordentlich zu kleiden, inklusive Krawatte.
  • An Bord ist es erlaubt in Sporthemd oder Pullover zu arbeiten.
  • Grüße an die Diskothek, in der man zuvor arbeitete, sind in begrenztem Maße möglich.
  • Alkoholgebrauch ist vor Beginn des Programms verboten und danach nur in begrenztem Umfang erlaubt. Dies um die Ordnung auf dem Schiff zu bewahren.
  • Der Kapitän ist der Chef des Schiffes so lange es nicht um programmatische Inhalte geht. Sein Wille ist ansonsten Gesetz.
  • In dem Verhältnis zu der Besatzung des Schiffes muß die Anredeform "Sie" verwendet werden.
  • Nur wenn es um Pop-Programme geht, dürfen die Zuhörer mit "Liebe Freunde" und mit "Du" und "Ihr" angesprochen werden. In allen anderen Fällen ist es "Liebe(r) Zuhörer" und "Damen und Herren".
  • Jeder Deejay muß vor seiner ersten Abreise an Bord ein Foto der Direktion zur Verfügung stellen, eventuell mit einer Unterschrift versehen. Dies im Zusammenhang mit der erforderlichen Publicity.
  • Über das Honorar darf nicht gesprochen werden, da ansonsten die Vertraulichkeit darin geschädigt wird.
  • Wer bei der Einstellung mit Absicht persönliche Daten fälscht und die Schiffsregeln übertritt, kommt für unmittelbare in Entlassung in Betracht.
  Ob dieses Reglement wirklich in dieser Ausführung eingeführt worden ist, ist nicht deutlich geworden, da diese Liste lediglich mit der Überschrift "Vorläufige Bordordnung für Disk-Jockeys bei Radio Nordsee" aufgetaucht ist. Allerdings gibt es ein auffallende Übereinstimmung mit der Liste der Verhaltensregeln, die jeder neue Deejay in der Periode zwischen Februar 1971 bis August 1974 neben seinem Vertrag unterzeichnen mußte.
   
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  Mit Dank an Klaus Quirini, der einige Fehler in einer ersten Version dieses Artikel korrigierte. Originaltitel: Van de Galaxy naar de MEBO I en vandaar weer naar de MEBO II. Aus dem Niederlandischen übersetzt von Jana Knot. In den Index Erinnerungen an Radio Nordsee International findet man eine Reihe Essays über RNI.
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