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volume 5
september 2002

Die Geschichte des ISS "Leviathan"

 





  Das Schiff der ersten Amerikanischen Seesender
von Hans Knot
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  Im Rahmen der Radiogeschichte gehen wir diesmal sehr weit zurück in die Zeit, nämlich in das gedenkwürdige Jahr 1924, als das Amerikanische Radio News über wie man es selbst umschrieb die erste treibende Radiostation Amerikas berichtete. Sage und schreibe vor 78 Jahren! Martin van der Ven brachte Hans Knot auf die Spur, um die folgende Geschichte aufzuschreiben.
 
1 Das SS "Vaterland"

Ein auffallender Bericht. Radio News berichtete, dass das in Amerika registrierte Schiff, das ISS "Leviathan", die erste treibende Radiostation des Landes war. Man war nicht offiziell als Lizenzshalter für das Versorgen von Radioprogrammen und die Verbreitung dieser via eines Senders registriert. An Stelle einer offiziellen Lizens, die auch in diesen Tagen notwendig war, wurde von einer Lizens auf experimenteller Basis unter der Rufbuchstaben WSN Gebrauch gemacht. Die US Shipping Board hatte damals bereits eine Anfrage zum Ministerium für Handel gesendet. Darin wurde um die Zustimmung, um von See aus Programme zu versorgen, gebeten.

2 Briefe aus England. Während einer damaligen Reise nach Europa waren vom Schiff aus diverse Konzerte der in Amerika allbekannten Big Band der Leviathan und geladener Künstler ausgesonden worden. Diese Konzerte wurden durch verschiedene andere Schiffe, die sich auf See befanden, empfangen. Sie versendeten Empfangsberichte und ein Dankeschön an den Kapitän der Leviathan. Eine Station der BBC in England empfing die Signale des Konzertes vom Schiff aus ebenfalls. Die Leitung der Station entschied sich zur erneuten Aussendung via eines Netzewerkes von BBC Sendern in England. Dadurch empfing man an Bord des Schiffes hunderte Briefe von Zuhörern in England.
3 Das SS "Vaterland" im Kuhwärder Hafen, Hamburg. Die Textangabe dieser alten Postkarte meldet stolz: Die mächtigsten Hafenkräne neben dem größten Schiff der Welt

Die deutsche Großmacht. Beim Eintauchen in die Geschichte des Schiffes werden die folgenden Fakten deutlich: In 1871 wurde durch den Zusammenschluß der diversen Staaten das Große Deutsche Reich geformt, wobei der Preußische König der erste Kaiser unter dem Namen Wilhelm der I wurde. Zusammen mit seinem Kanzler, Von Bismark, strebte er danach, Deutschland auf dem Gebiet der Schifffahrt zu einer Großmacht zu machen. Nach dem Tode des Kaisers in 1888 trat sein Enkel, der unter dem Namen Wilhelm II regierte, die Nachfolge an. Seine Großmutter, Königin Victoria von England, war beinahe am Ende ihrere Regierungsperiode. Wilhelm der II hatte viel Respekt vor ihr und dem Vereinigten Königreich. Dennoch wollte er diese Supermacht bekämpfen, indem er selbst eine große Flotte ausrüsten ließ.

4 Eine völlige Dominanz. Wilhelm II war vor allem beeindruckt vom brittischen Schiff Teutonic und beabsichtigte ein solches großes Schiff der Deutschen Flotte hinzuzufügen. Das erste in Deutschland zu Wasser gelassene Schiff, dass die Brittische Flotte übertreffen sollte, war durch die Norddeutsche Lloyd gebaut worden und bekam den Namen Kaiser Wilhelm der Große. Im Jahre 1897 begann das Schiff seine Laufbahn und ging die Geschichte als größtes, aber auch luxuriösestes und schnellste Schiff der Welt ein. England war nicht länger die bekannteste Nation auf dem Schiffahrtsgebiet und viele schöne und große deutsche Schiffe sollten folgen. Ab 1901 war selbst die Rede von einer völligen Dominanz Deutschlands.
5 Postkarte des ISS "Leviathan" bei der Abfahrt aus New York

Die Hamburg-Amerika-Linie. Eines der Unternehmen war die Hamburg-Amerika-Linie mit Kantor in Hamburg, die HAPAG. Das Unternehmen ließ schöne Schiffe für den Transport von Personen auf langen Abständen bauen. Der Direktor von HAPAG, Albert Ballin, vertrat die Meinung, dass Schiffe oberhalb von 50.000 Tonnen gebaut werden müssen. Das erste wurde auf der Bremer-Vulkan Werft in Hamburg gebaut und kam im Mai 1912 in Betrieb. Das war genau einen Monat nachdem die Titanic untergegangen war. Inzwischen war bereits der Kiel gelegt für ein zweites großes Schiff und dieses Mal auf der Blohm und Voss Werft in Hamburg.

6 Der Dämpfer Vaterland. Am 3. April 1913 wurde dieses Schiff getauft. Ursprünglich sollte es den Namen "Europa" tragen. Nicht viel später entschied man sich für den Namen "Imperator". Aber als der Prinz von Bayern, Rupert, das Schiff erst einmal taufte, hieß es auf einmal SS "Vaterland". Der Überlieferung zu Folge waren mehr als 40.000 Mensen Zeuge der Zurwasserlassung. Zu diesem Zeitpunkt handelte es sich um das größte Schiff der Welt. Aber die Vollendung des Schiffes sollte noch einige Zeit in Anspruch nehmen, da die Motoren, Schornsteine und das Interieur noch nicht anwesend waren. Inzwischen hatte das Verhältnis zwischen England und Deutschland einen Tiefpunkt erreicht.
7 Das ISS "Leviathan" war im Zweiten Weltkrieg in Tarnfarben gefärbt

Mit Marmorbad. Am 29. April 1914 war das SS "Vaterland" letztendlich geeignet, um die Fahrt auf internationalen Gewässern beginnen zu können und wurde das Schiff an die Besitzer der Hamburg-Amerika-Linie übergeben. Voll mit Glamour buchten die Reichsten des Deutschen Reiches eine Überfahrt nach Amerika. Ein Grill-Raum, ein Theatersaal, ein Konzertsaal, ein Schwimmbad, eine "social hall" — an alles war auf dem zu diesem Zeitpunkt luxuriösesten Schiff gedacht. Das Zuckerstückchen des Schiffes war der Essenssaal der ersten Klassen. Das SS "Vaterland" bot Raum an 752 Passagiere, die alle erster Klasse untergebracht wurden. Jede Räumlichkeit war in drei Teile unterteilt: ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Marmorbad. Das Schiff hatte die Verfügung über ein Telegrafensystem, das 24 Stunden per Tag bemannt war.

8 Die erste Überfahrt. Und dann ist es so schön, um nicht nur Hamburg (Galaxy), sondern auch Cuxhaven (Jeanine - Radio Atlantis) in dieser Geschichte nennen zu können, denn aus diesem Hafen verabschiedete sich das SS "Vaterland" am 14. Mei 1914 zu seiner ersten Überfahrt nach Amerika. Bei Ankunft in Hoboken, bei New York, geschah beinahe noch ein Unglück mit dem Schiff, da es die Pier zu verbröseln schien. Zum Glück ging es gerade gut. Die Ursache war, dass, beinahe unbegreiflich, dieses große Schiff keinerlei Begleitung bekam von einem oder mehreren Schleppboten. Aber dieser Vorfall war klein im Vergleich mit dem was am 28. Juni 1914 passierte, als zwei Schüsse in Sarajevo ausreichten, um den Ungarisch-Östereichischen Prinz Franz Ferdinand zu ermorden, was den Beginn des ersten Weltkrieges zur Folge hatte.
9 Postkarte von ISS "Leviathan"

Drei lange Jahre im Hafen. Nachdem Deutschland einer Anzahl Ländern den Krieg erklärt hatte, dauerte es nicht mehr lange bis England Deutschland den Krieg erklärte und viele Schiffe zugunsten des Krieges eingefordert wurden. Das SS "Vaterland" was zu dem Zeitpunkt in Hoboken auf seiner vierten Atlantischen Reise als der Krieg ausbrach. Am 31. Juli empfing man Instruktionen, nicht aus New York auszufahren. Anschließend lag das Schiff drei Jahre im Hafen still. Die Besatzung war nach Deutschland zurückgerufen worden, aber mehr als die Hälfte beschloß auf dem SS "Vaterland" zu bleiben.

10 Feste und Banketts. Allerdings wurden in den zuvor in Erinnerung gebrachten ersten drei Kriegsjahren regelmäßig Feste und Banketts veranstaltet, die durch die Deutsch-Amerikanische Gemeinschaft organisiert wurden. Die Gelder, die übrig blieben, wurden an die Deutsche Flüchtlingsorganisation zur Verfügung gestellt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt entstand in den Vereinigten Staaten eine echte anti-deutsche Haltung und das SS "Vaterland" wurde dann auch als verbotenes Gebiet durch die Autoritäten angesehen. Selbst Versuche des Besitzers Ballin, um das Schiff unter der neutralen Flagge Belgiens fahren zu lassen, mißlangen und so blieb das Schiff dort liegen wo es lag und hatten lediglich die amerikanischen Autoritäten zu entscheiden, was mit dem SS "Vaterland" in Hoboken, New York, passieren sollte.
11 In den Krieg einbezogen. Am 6. April 1917 wurde durch den Kongreß die sogenannte Kriegsresulution angenommen, wodurch auch Amerika in den Krieg einbezogen wurde. Viele Schiffe, darunter das SS "Vaterland", wurden danach durch die amerikanischen Autoritäten eingefordert. Die nog anwesende Besatzung wurde nach Ellis Island gebracht, wo sie die amerikanische Staatsbürgerschaft angeboten bekam. Dannach wurde das Schiff als Truppentransportschiff verwendet, wobei der Name ISS "Leviathan" als offizielle Registration eingeführt wurde. Während seiner 19 Reisen von und nach Europa transportierte man mehr als 100.000 Personen von und zu den Schlachtfeldern. Während einer dieser Reisen wurden 14.416 Personen befördert. Zu diesem Zeitpunkt ein Rekord in der Schifffahrtswelt. Besitzer Albert Ballin war sehr enttäuscht vom Entschluß der Amerikaner, wurde depressief und nahm am 9. November 1918 eine Überdosis an Schlaftabletten, was ihm am folgenden Tage sein Leben kostete.
12 Die luxuriöse Nachtclub an Bord des ISS "Leviathan"

An der Kade in Hoboken. Sein Name, ISS "Leviathan", bezog sich ohne Zweifel auf seine Größe. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Schiff eine Tonage von 54.282 Tonnen und konnte eine Topgeschwindigkeit von 23,5 Knoten machen. Es hatte eine Länge von 289,6 Metern und war 30,6 Meter an seiner breitesten Stelle. Nachdem man zehn Mal nach Europa gefahren war, um Truppen zu befördern und neun Mal mit Truppen in Richtung Amerika, hatte das Schiff seine Pflicht gegenüber der amerikanischen Regierung getan. Dannach wurde das ISS "Leviathan" an den Rat für Schiffahrt zur Verfügung gestellt. Aber das Schiff blieb dessen ungeachtet ein paar Jahre an der Kade in Hoboken liegen. Im Jahre 1921 wurde dann nach Newark News gefahren.

13 Eine komplette Modernisierung. Das große Schiff wurde dort in der Periode von 1922-1932 total modernisiert. Unter anderem wurde das Schiff so umgebaut, dass es statt mit Kohlen mit Öl geheizt werden konnte. Die totale Verdrahtung auf dem Schiff wurde ersetzt, schließlich mußte dies auf See viel häufiger passieren als zu Hause. Alle Kabinen wurden mit einem komplett neuen Interieur versehen. Der ganze Umbau nahm viel mehr Zeit als geplant in Anspruch. Grund hierfür war, dass die Rederei, die das Schiff 1913 gebaut hatte, sich weigerte die Bauzeichnungen zur Verfügung zu stellen und darum alles erneut berechnet und gezeichnet werden mußte, bevor man mit der Ausführung beginnen konnte. Nach der Ingebrauchnahme wurde das Schiff unter der Flagge der United States Line und dann auf der Transatlantischen Route geführt. Dies wurde bis 1934 getan. Dannach wurde das Schiff als unökonomisch angesehen und wurde es aufs Trockene gelegt. Im Jahre 1938 wurde das ISS "Leviathan" abgerissen und kam ein Ende an das was Radio News 1914 als die allererste Radiostation, das von einem Schiff aus aktiv war, umschrieb.
14 Der Abbruch des einstmals stolzen Schiffes

Ohne Interferenzprobleme. Zurückkommend auf den experimentellen Status der Sendungen kann vermeldet werden, dass ein Beamter des Rates für Schifffahrt das Argument vorbrachte, dass man, obwohl man keinen offiziellen Status hatte, dennoch erfolgreich nachgewiesen hatte, dass das Aussenden von Konzerten von einem Schiff aus möglich war. Auch gab er an, dass die Programme durch tausende Menschen empfangen und außerdem sehr geschätzt wurden. Desweiteren behauptete man in dem Artikel in Radio News aus dem Jahre 1924, dass praktisch keine Rede von Interferenzproblemen als Folge der Sendungen von dem ISS "Leviathan" aus war. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits einige Radiostationen in New York aktiv. Außerdem wurde viel im Schifffahrtsverband kommuniziert, währenddessen an Land von Kommunikationsverkehr via Äther die Rede war. Alle diese "Stationen" hatten während der Periode, dass die ISS "Leviathan" im Äther war, effektiv und nach Zufriedenheit funktionieren können.

15 Eine offizielle Lizenz? Für die Autoritäten war der Erfolg Grund dafür anzunehmen, dass eventuelle Sendungen, die auf einer brauchbaren Frequenz versorgt würden, in der Zukunft für eine solche Station ohne weiteres eine definitive Frequenz ergeben könnte. Allerdings galt vorab eine internationale Beratschlagung stattzufinden, um in der damaligen Zukunft unnötige Interferenzen auf Frequenzen, die durch andere Länder verwendet würden, zu vorkommen. Erst wenn dies abegrundet war, könnte man eine definitive Lizens an das ISS "Leviathan" oder eine andere Radiostation von einem Passagierschiff aus vergeben. Es ist nicht deutlich geworden ob man jemals eine offizielle Lizenz erhalten hat.
16 Ein Bild vom Leviathan-Orchestrer auf der Blattmusik von "There's Yes Yes In Your Eyes" aus 1924. Klick auf das Bild für eine Vergrößerung

In den Abendstunden. Schließlich muß vermeldet werden, dass die Radioprogramme unter den Call-Buchstaben WSBN versorgt und auf 35.5 und 65.1 Meter empfangen wurden. Daten bezüglich des Empfanges konnte man in der Februarausgabe des damaligen Monatsblattes "What's on Air", in dem seltsamer Radioempfang in diesen Tagen genau registriert wurden, zurückfinden. Aus den Logbüchern kann man schlußfolgern, dass Empfang zu unregelmäßigen Zeiten auf 65.1 Metern stattfand, und dass die Sendungen auf 35.5 Metern in den amerikanischen Abendstunden zu empfangen waren.

   
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  Original-Titel: De geschiedenis van de Leviathan. Aus dem Niederlandischen übersetzt von Jana Knot-Dickscheit.
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