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volume 5
juli 2002

Die Geschichte von Radio Caroline erzählt von einem Insider

 





  Rezension von:
  • Tom Lodge, The Radio Caroline Story from the inside. USA: Umi Foundation, 2002 (118 Seiten).
von Hans Knot
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  Als Disk-Jockey war Tom Lodge stark involviert mit Radio Caroline: er war doch Teil der Crew des berühmten Seesenders in seiner Frühzeit, genauer von 1964 bis 1967. Jetzt hat Lodge seine Erinnerungen an diese Periode inventarisiert in einem Buch. Hans Knot las es für uns.
 
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Vor einiger Zeit ländete ein Buch in meinem Briefkasten, 118 Seiten stark und mit dem Titel The Radio Caroline Story from the inside versehen. Es wurde mir aus Amerika zugeschickt, und zwar direkt vom Autor, den ich 1995 kennen gelernt hatte, als wir beide hinter einander jeweils eine einstündige Sendung von Bord der MV Ross Revenge, einem der Sendeschiffe von Radio Caroline, moderierten. Damals lag das Schiff im Hafen von London, und wir beide tauschten anschließend noch einige Mails mit schönen Erinnerungen an diesen Tag vor sieben Jahren aus. Die Erinnerungen von Tom Lodge gehen jedoch noch viel weiter zurück, war er doch Teil der Crew des berühmten Seesenders in seiner Frühzeit, genauer von 1964 bis 1967. Es ist wohltuend, einmal wieder ein Buch zu lesen, das nicht von einem Journalisten oder einem Historiker verfasst wurde, sondern von jemandem, der dabei war und der sich an viele kleinen Details und an die Menschen im Umfeld des Senders erinnern kann.

2 Tom Lodges Geschichte beginnt in einer piekfeinen Bar in der Londoner King's Road, wo er ein paar Kommentare über die Musik abließ, die in dem Etablissement gespielt wurde. Darauf begann ein junger Ire, sich mit Tom zu unterhalten, und dieser Ire versprach Tom, er würde bald sehr viel bessere Musik zu hören bekommen. Als Tom fragte, wovon er da palavere, meinte dieser irische Kerl, es gebe einen Plan, einen Radiosender von internationalen Gewässern zu starten. So kam Tom Lodge, Kanadier und geboren im Jahr 1936, von Anfang an mit dem zukünftigen Radio Caroline und dessen Boss Ronan O'Rahilly in Berührung.
3 Nach dieser netten Einführung berichtet der Autor von verschiedenen Begebenheiten aus der Vorbereitungszeit von Radio Caroline. Dabei sind einige interessante und aufschlussreiche Einzelheiten zu erfahren, die bislang in keinem anderen Buch zu finden waren. Beispielsweise hatte Caroline vor dem berühmten Domizil in 6 Chesterfield Gardens ein anderes Büro, und zwar in Holborn. Auch über den Zusammenschluss mit dem Konkurrenten Radio Atlanta weiß Lodge ein paar schöne Details zu berichten, etwa die kleine Auseinandersetzung, die er mit Simon Dee hätte. Beide wollten über eine Kiste mit Top40-Songs verfügen, die an Bord der MV Fredericia war, dem Schiff das später Radio Caroline North werden sollte. Tom setzte sich gegen Simon durch, der die Plattenkiste erst später an sich und auf die MV Mi Amigo nehmen konnte, als Radio Atlanta der Geschichte angehörte und von beiden Schiffen unter dem gleichen Namen gesendet wurde.
4 Ein weiteres exzellentes Kapitel handelt von der weiten Reise, die die MV Fredericia von der Südostküste Britanniens bis vor die Isle of Man unternahm. An Bord waren alle ganz und gar erstaunt über die unzähligen Leute, die sie während des Trips an den Stränden stehen sahen. Jedermann wusste von der Reise des Seesenders, weil Jerry Super Leighton und Tom Lodge mit Hilfe von Kapitän Hagerfelt stets die genaue Route on air verkündeten. Nur bei der Ankunft vor Man war die Reaktion gleich null.
5 Tom genoss es, die Mauern des konservativen England ein wenig einzureißen. Davon berichtet er im Kapitel über seine Teilnahme an einer Tour der Rolling Stones. Und auch davon, dass es unmittelbar nach einem Stones-Konzert einen Sturm mit Windstärke 12 gab — auch das ist Teil des Alttags eines berühmten Offshore-Disk-Jockeys. Ein anderes schönes Detail: Tom sicherte offenbar den Karrierestart der Rockband The Who, indem er einen beliebten "Sportnachmittag" der Caroline-DJs unterbrach. Die spielten nämlich gerne Frisbee mit einigen der Schallplatten, die an Bord waren, zumindest mit denen, die ihrer Meinung nicht Wert waren, über den Äther zu gehen. Tom entriss ihnen aber die Who-Scheibe, spielte sie in seinem Programm, und so schaffte es die Band auf Platz 8 der Hitparade. Ein guter Start für The Who!
6 Viele weitere Abschnitte machen Tom Lodges Buch zu einem Lesevergnügen. So ist zu lesen wie er bei Caroline South eine Umstrukturierung vornahm, als einer der Mitbewerber, Wonderful Radio London, in der Hörerakzeptanz an Caroline vorbeigezogen war. Tom erhielt von Caroline-Boss Ronan O'Rahilly die Erlaubnis, ein neues, jüngeres und witzigeres Moderatorenteam an Bord nehmen zu können. Auch wird einiges über den Alltag an Bord der MV Mi Amigo berichtet, und man kann nachvollziehen, wie hart das Leben auf hoher See für Tom und seine Kameraden sein konnte. Etwa als das Sendeschiff 1966 aufgrund lief und im Hafen von Zaandam generell überholt werden musste.
7 Es ist gut, über den gefährlichen Besuch auf dem Rough Tower zu lesen. Leider ist hier eine Ungenauigkeit festzustellen: Das Bild, das zu diesem Kapitel abgedruckt wurde, hat leider nichts mit Rough Sands zu tun, sondern zeigt einen anderen Turm, der während des Zweiten Weitkriegs errichtet wurde. Auch macht Tom Lodge den gleichen Fehler wie viele Autoren vor ihm, indem er das Sendeschiff von Radio Caroline North "Frederica" nennt und nicht, wie es richtig lauten muss, "Fredericia". Und auch die berühmte Eigentümerin von Radio Syd, die der Caroline-Organisation ihr Radio-Schiff zeitweilig überlassen hat, muss unter den Ungenauigkeiten des Autors leiden — sie heißt nämlich Brit Wadner und nicht "Wagner" ...
8 Wie bereits gesagt, es ist schön, wieder einmal die Geschichte eines Insiders zu lesen, insbesondere wenn sie leicht und verständlich geschrieben wurde. Dabei kann es aber passieren, dass einem die Erinnerungen einen Streich spielen oder der Autor in Versuchung gerät, allzu "locker und flockig" zu schreiben: Tom erzählt an einer Stelle, dass er und sein Kumpel Dave Lee Travis Besuch von der Britischen Marine erhielten die das Radioschiff aufbringen wollte. Er berichtet, wie sich die beiden DJs mit den Soldaten über Funk unterhielten und wie sie Songs wie "19th Nervous Breakdown" von den Rolling Stones und "Sunny Afternoon" von den Kinks spielten. Nur einen Tag später, so heißt es, sei die Schiffsregistrierung durch das Parlament Panamas widerrufen worden. Aber Vorsicht — hier haben sich Toms Erinnerungen selbständig gemacht. Die Marinesoldaten statteten dem Radioschiff am 4. April 1964 einen Besuch ab, und erst am 6., also zwei Tage später, wurde die Registrierung offiziell zurückgenommen. Also auch keine Stones- und Kinks-Musik ...
9 Höchst interessant ist folgender Abschnitt: Vor einigen Jahren wurde Tom von einem Freund gebeten, er möge jemanden aufsuchen, der in den 60er Jahren in Kanada für den britischen Geheimdienst MI-5 arbeitete. Dieser habe damals den Auftrag gehabt, gemeinsam mit der Eliteeinheit SAS das Caroliner-Radio-Schiff zu stürmen. Glücklicherweise ist es nicht dazu gekommen, und Millionen von Hörern konnten noch viele Jahre lang Freude an den Sendungen von Radio Caroline haben.
10 Apropos MI-5: im einem der letzten Kapitel schildert Tom Lodge die Geschichte vom "Aufstieg und Niedergang des Senders Radio Caroline." Bereits 1969 habe Ronan O'Rahilly seine Mitarbeiter aufgefordert, sie sollten Videorecorder benutzen, fortan nicht mehr DJs, sondern "Veejays" sein und ein "Caroline TV" produzieren, das von Flugzeugen aus ausgestrahlt werde. Nun ja, die ganze Videotechnologie war gerade mal auf den Markt gekommen, die Flugzeuge, die einzusetzen gewesen wären, sind auch nicht vom Geheimdienst in die Luft gesprengt worden, wie es ab und an heißt. O'Rahilly hatte ganz etwas anderes vor: Er wollte viel Wind machen und in der gesamten europäischen Presse mit einer Aufsehen erregenden Story auftauchen.
11 Dennoch ist Tom Lodges Buch, das viele persönliche Erinnerungen und einige neue Details aufführt, für den wahren Seesender-Fan ein Muss. Bestellt werden kann es für 14,95 US-Dollar über die Internetseite Umi Foundation.
   
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