Logo  
  | home | authors | calendar colophon | links | newsgroups | newsfeed | new | printer version |  
volume 12
juni 2009

Liebeserklärung ans Radio

 





  Rezension von
  • John Osborne (2009), Radio head. Up and down the dial of British radio. London: Simon and Schuster 2009 (289 Seiten; ISBN 978-1-84737-230-7; Preis: 9,99 Britische Pfund, 12,99 Euro)
von Thomas Völkner
Previous
  John Osborne's neues Buch Radio Head wurde geboren aus einer Faszination für die traurigen und die guten Sachen im britischen Radio. Mit Bewunderung und Vergnügen las Thomas Völkner es für uns durch.
 
1

Eine Reise durch die Radiolandschaft. Was tut einer, der werktags einem langweiligen Zeitarbeitsjob nachgeht, keine Freundin hat und keine Lust auf permanentes Fernsehglotzen. Eine Möglichkeit: Er hört Radio. Nicht systematisch, eher kreuz und quer, jeden Tag einen neuen Sender, aber intensiv, jeweils viele Stunden lang. Die Faszination für das Medium wächst, und am Ende bleibt die Erkenntnis: "Täglich eine andere Station einzuschalten ist eine perfekte Ausrede, um neues auszuprobieren und meine Vorstellungskraft ein wenig anzuschieben."

Die Rede ist von John Osborne. Der Brite, Mittzwanziger und Lyriker, hat die Erlebnisse während seines "Radio-Selbstversuchs" aufgeschrieben. "Radio Head" heißt das gedruckte Ergebnis seiner Reise durch die Radiolandschaft auf der Insel. Das Buch ist eine witzige, liebevoll montierte und gleichzeitig relaxte Mischung aus Tagebuch-ähnlichen Passagen, Mitschriften von Sendungen, Gedanken zu Musik und Stil im Hörfunk, Begegnungen mit Radioleuten und Beschreibungen seines Bürojobs. Erst im Mai dieses Jahres veröffentlicht, ist "Radio Head" in Großbritannien bereits äußerst positiv aufgenommen worden. Radiofans und -professionals signalisierten "Daumen hoch," und das prestigeträchtige Programm "Book of the Week" auf BBC Radio 4 behandelte Ende Mai das Erstlingswerk eine ganze Woche lang.

  Osbornes Herangehensweise ist einfach: Beim Aufstehen schaltet er den Computer an und verfolgt einen Live-Stream. Gleiches geschieht während der Arbeit, dann natürlich mit aufgesetztem Kopfhörer, was selbstverständlich nicht gut ist fürs kollegiale Miteinander. Wenn John unterwegs ist, kommt ein tragbarer DAB-Empfänger zum Einsatz. So hört er Rap und R'n'B auf Kiss FM, die immer gleichen Hits auf den Tagesschienen der populären Kommerzsender oder mal einen Tag lang Klassik-Schnipsel auf Classic FM. Selbst kein Klassik-Freund, beißt John die Zähne zusammen. Er kann den Melodien zwar einiges abgewinnen, fühlt sich jedoch von den zahlreichen Werbeunterbrechungen gestört — "Wie soll man ein Zen-Bewusstsein erreichen, wenn einem alle fünf Minuten Versicherungen und Autopannen-Dienste angeboten werden?" Sind mal Freunde zu Besuch, läuft der Audio-Stream den ganzen Abend im Hintergrund. Eine Partie Poker parallel zum Abendprogramm von "The Jazz" ...
2 In den Ecken der britischen Radioszene. Fasziniert von dem Gehörten, beginnt John seine Recherche und leuchtet so manche Ecken der britischen Radioszene aus: Er erinnert an den legendären John Peel, dessen Programme ihm am liebsten waren und von dem er einmal eine Kiste voller CDs erhielt. Er versucht sich vorzustellen, wie Seesender-DJs bei hohem Wellengang moderiert haben, und welche Tricks und Kniffe es geben mag, um mehrtägige, jeweils stundenlange übertragungen von Cricket-Matches zu überleben. John macht sich auf den Weg zu Interviews mit der Chefredakteurin der Programmzeitschrift "Radio Times" und der Projektmanagerin von "Channel 4 Radio," die ein innovatives, landesweites DAB-Programm starten sollte, wozu es in Folge der Wirtschaftskrise nicht mehr gekommen ist.
  Schließlich spricht John mit mehreren Moderatoren, darf ihnen teilweise bei der Arbeit über die Schulter blicken. Dabei erfährt er einiges über das Tagesgeschäft beim Hörfunk. Und er erkennt, dass viele Radioleute ernüchtert sind vom Zustand ihres Mediums. "Alle Moderatoren beim Radio, alle Produzenten, alle Redakteure denken das gleiche," zitiert er etwa Tommy Boyd vom Sender Southern Counties. "Jeder ist der Ansicht, dass Radio meistens Scheiße ist. Und wir sitzen herum und lachen noch darüber." Purer Zynismus ... Allerdings begegnen John bei seiner Reise über die Radioskala auch lobenswerte Beispiele, etwa die Londoner Station "Resonance FM" oder die verlängerte Berichterstattung auf BBC Radio Humberside in der Nacht des Erdbebens von Hull im Februar 2008. Da wurde das Radio zum Instrument der Nachbarschaftshilfe und diente auf ehrlichste Weise der Beruhigung der Menschen im Sendegebiet.
  Am Ende dieses schönen, gut lesbaren Buches steht — wie könnte es anders sein — der Wunsch, es selbst einmal auszuprobieren. John kontaktiert die Leute von Future FM, dem Community-Sender in seinem Wohnort Norwich, erzählt ihnen von seiner neuen Liebe zum Radio und wird zur Mitarbeit eingeladen. Jetzt sitzt er im Zimmer und kramt in der CD-Kiste, die er von John Peel erbte. Darin findet er viele, viele gute Tracks für seine eigene Musikshow ...
   
Previous
  2009 © Soundscapes