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volume 14
märz 2012

Der Tod eines Polizisten

 





  Wenn die Medien (nicht) von Alkoholismus reden ...
von Hans Durrer
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  Ein hoher Beamter hat ein Alkoholproblem, seine Vorgesetzten wissen davon. Als der Mann sich das Leben nimmt, behauptet seine direkte Vorgesetzte, dass die Alkoholprobleme seine Arbeit nie beeinträchtigt hätten. Des Weiteren betont sie, es sei wichtig, dass zwischen Arbeit und Privatleben unterschieden werde, ganz so, als ob ein Alkoholiker nur in seiner Freizeit Alkoholiker wäre. Die Massenmedien stellen diese Unterscheidung nicht nur nicht in Frage, sondern verbreiten sie weiter und tragen damit dazu bei, dass Alkoholismus ein gesellschaftliches Tabu bleibt.
 
  Es erstaunte ihn immer wieder aufs Neue, wie das Gehirn Worte, Melodien, Blumendüfte bewahren und dann Jahre nachdem sie die Sinne berührt hatten, wieder freisetzen konnte. Und es war nie vorhersehbar, wann sie wieder auftauchten, es konnte durch einen Klang, einen Anblick oder Geruch ausgelöst werden, der mit dem ursprünglichen Erlebnis gar nichts zu tun hatte.
  William S. Cohen, Die Verschwörer
   
1

"Ein Alkoholproblem." Am Dienstag, dem 26. Januar 2010, einen Tag, bevor das World Economic Forum (WEF) in Davos seine Pforten öffnete, wurde Markus Reinhardt, der Kommandant der Graubündner Kantonspolizei und Sicherheitsverantwortliche des WEF, tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Er hatte sich mit seiner Dienstwaffe das Leben genommen.

Reinhardt hatte während einiger Jahre "ein Alkoholproblem" gehabt, im Regierungsrat wusste man davon. Seine direkte Vorgesetzte, die Direktorin des Justizdepartements, Barbara Janom Steiner, äusserte sich während einer Pressekonferenz so: "Die Alkoholprobleme haben seine Arbeit nie beeinträchtigt." Weiter sagte sie: "Ich hatte den Eindruck, dass Reinhardt das Alkoholproblem allmählich in den Griff bekam." Und, wie der Tages-Anzeiger schrieb: "Sie habe unter Beizug eines Vertrauensarztes Massnahmen vereinbart, damit Reinhardt seines Problems Herr werde."

  Die Medien fragten nicht nach, mit was für Massnahmen die Politikerin und der Vertrauensarzt glaubten, einen offenbar Alkoholkranken zur Räson bringen zu können, stattdessen wurden sie auf ihre typische Art aktiv.
  Der Tages-Anzeiger befragte Roberto Zalunardo, interimistischer Generalsekretär der Polizeikommandanten, der sagte, dass Kommandanten unter grossem Druck stünden, dass man an der Spitze sehr einsam sei und mit der Tatsache, dass sehr viele Anforderungen an einen gestellt werden, müsse umgehen können. Als Leser hatte man das Gefühl, dass, wenn einer damit nicht klar komme, er zum Alkohol Zuflucht nehmen könnte. Nun ja, dass Leute saufen, weil sie Druck nicht aushalten, ist zwar eine weit verbreitete Auffassung, doch sie ist falsch. Alkoholiker brauchen keinen Grund um zu saufen, sie finden immer einen.
  Dann befragte die Aargauer-Zeitung den früheren Aargauer Polizeikommandanten Léon Borer, der sagte, Reinhardts "Alkoholproblem" sei seit vielen Jahren bekannt gewesen und dass der Mann zu retten gewesen wäre. Wie das hätte geschehen können, darüber liess er sich nicht aus. Fragen dazu gab es keine.
  Am 19. Februar 2010 berichtete der Tages-Anzeiger, dass die Aussage von Regierungsrätin Janom Steiner, Polizeichef Markus Reinhardt habe seinen Job trotz Alkoholproblemen tadellos ausgeübt, falsch sei und wies auf einschlägige Vorfälle hin — so sei er angetrunken zur Arbeit erschienen, sei alkoholisiert Auto gefahren, sei in einen Autounfall verwickelt gewesen und hätte dafür gesorgt, dass es keine offiziellen Aufzeichnungen darüber gebe etc. etc.
  Halt! Stopp! Wir alle kennen doch diese Art von Geschichten zur Genüge: Regierungsvertreter rechtfertigen ihr Verhalten, einige Journalisten wittern Ungereimtes, strengen sich an, aufzudecken, was ihrer Meinung nach vertuscht werden soll und bringen es manchmal sogar fertig, gegen Widerstände von Chefredakteuren und Medieneigentümern (sofern es in deren Interesse liegt), die Wahrheit ans Licht zu bringen ...
  Erstaunlich ist, dass wir dieses Regierungs- und Medientheater ernst nehmen. Als die Bündner Regierung betonte, sie halte es für wichtig, dass zwischen Arbeit und Privatleben unterschieden werden müsse, gab es niemanden in den Medien, der diese Unterscheidung in Frage stellte. Das ist mehr als bedenklich, denn falls Herr Reinhardt wirklich Alkoholiker gewesen ist (und so ziemlich alles deutet darauf hin), dann ist diese Unterscheidung nicht nur lächerlich, sondern ausgesprochen gefährlich.
2

Hoffnungsvolle aber hilflose Therapien. Ein Alkoholiker ist ein Alkoholiker ist ein Alkoholiker. Was ihn (Frauen sind mitgemeint) wesentlich ausmacht, ist, dass er allzu oft seine Impulse nicht kontrollieren kann (und das bezieht sich nicht nur aufs Saufen) — ganz unabhängig davon, ob er bei der Arbeit oder privat unterwegs ist. Dazu kommt, und dies macht ihn speziell unberechenbar, dass ihm ein Doktor Jekyll und Mister Hyde-Charakter eignet, er sich also meist ganz aussergewöhnlich kontrolliert verhält, bis ihm dann, häufig ganz plötzlich, die Sicherungen durchbrennen.

Ein Alkoholiker verhält sich wie ein Kranker (im Sinne von "dis-eased"), in allen Aspekten seines Lebens. Das weiss jeder. Wieso bieten uns dann Regierungen und Medien so ein absurdes Spektakel, tun so, als ob man bei Trinkern zwischen privat und beruflich eine Grenze ziehen könne? Weil sie tun, was wir alle tun: sie rechtfertigen ihr Verhalten; rationalisieren ihr Handeln beziehungsweise ihr Nicht-Handeln; sie geben vor, unter Kontrolle zu haben, was nicht kontrolliert werden kann. Weil mit der Wahrheit zu leben, unerträglich scheint. In Sachen Sucht ist dies die Wahrheit: wir wissen nicht, was sie auslöst, wir wissen nicht, wie wir sie stoppen können, wir sind ihr gegenüber meist machtlos.

  Unterzieht sich ein Süchtiger einer Therapie und bleibt anschliessend suchtfrei, so führen Therapeuten dies auf die Therapie zurück; wird der Süchtige hingegen rückfällig, so gilt er als therapieresistent. Obwohl: niemand kann wirklich sagen, weshalb einige (schätzungsweise zwischen sieben und siebzehn Prozent) ihre Sucht zum Stillstand bringen können, andere hingegen nicht.
  Gängige Therapien gehen davon aus, dass Einsicht in die Motive unseres Tuns, zu Verhaltensänderungen führen könne. Wenn ich weiss, weshalb ich saufe, kann ich mein Saufen beeinflussen. Das ist reines Wunschdenken, denn jeder Grund, den ich ausmache (den ich finde, der mir passt), kann sowohl Anlass fürs Saufen, wie auch fürs Nicht-Saufen sein. Weshalb denn auch die Anonymen Alkoholiker sagen, es gebe genau sieben Gründe, weshalb einer saufe: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag.
  So recht eigentlich gibt es keinen allgemeinen Konsens über die Natur, die Ursachen oder die Behandlung von Alkoholismus. In den Worten des Psychiatrie Professors Arnold M. Ludwig (The Alcoholic's Mind): "Was ist ein Alkoholiker? Wo zieht man die Grenze zwischen Problem-Trinken und Alkoholismus, zwischen Alkoholabhängigkeit und Sucht. Ist Alkoholismus eine Störung oder eine Ansammlung verschiedener Störungen? Ist es ein moralisches Versagen, eine schlechte Gewohnheit oder eine Krankheit? Haben Alkoholiker ausgeprägte Persönlichkeitszüge? Ist Alkoholismus angeboren oder angelernt? Ist übermässiges Trinken ein Symptom für einen tieferliegenden Konflikt oder ist es selbst das Problem? Welcher Behandlungsansatz, wenn überhaupt, ist der wirksamste? Wer ist am besten qualifiziert, um zu helfen? ..."
  Wissenschaftlich erhärtete Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Das heisst nicht, dass Suchtbehandlungen nichts bringen (den Therapeuten bringen sie Arbeit und Einkommen), das heisst, dass die gängigen wissenschaftlichen Erklärungsmodelle keinen Aufschluss über deren Wirksamkeit erbringen können. Gute Therapeuten wissen, dass, wenn es dem Patienten besser zu gehen scheint, sie manchmal dem beiwohnen, was die senegalesischen Wolof "nit nit ay garabam" nennen, dass der Mensch des Menschen Arznei sei.
3

Geschaffene Fakten. Dass die Grenzen zwischen Propaganda und Journalismus fliessend sind, ist bekannt. Dass viele Medienleute häufig nicht viel mehr als PRopagandisten sind, ebenso. Das eigentliche Problem dabei ist, dass sie gar nicht wissen, dass sie es sind.

Als Brian Eno (ja, der von Roxy Music) im Jahre 1986 zum ersten Mal Russland besuchte, befreundete er sich mit Sacha, einem Musiker, dessen Vater der Leibarzt von Breschnew gewesen war. Eines Tages, sie sprachen gerade über das Leben während der Breschnew-Zeit, sagte Eno: "Das muss sonderbar gewesen sein, so total in Propaganda zu ersaufen" Worauf Sacha meinte: "Genau das ist der Unterschied: wir wussten, dass es Propaganda war."

  Wer weiss, dass er Propaganda ausgesetzt ist, kann sie ignorieren; wer es nicht weiss, ist ihr ausgeliefert. In der sogenannt freien Welt wissen die meisten nicht, dass sie ständig mit Propaganda zugeschüttet werden. Weil sie gar nicht wissen, was Propaganda ist.
  "Wir beschliessen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter — Schritt für Schritt, bis es kein zurück mehr gibt," wird der Luxemburger Europapolitiker Jean-Claude Juncker in Eva Hermans "Die Wahrheit und ihr Preis" zitiert. So werden nicht nur Fakten geschaffen — "Fakt" kommt vom Lateinischen "facere" = machen —, so werden auch die Themen gesetzt, die dann von den Medien fast immer aufgegriffen und weiter verbreitet ("propagare" auf Lateinisch) werden.
  Werden wir konkret:
  Dass bei Alkoholabhängigen Therapie besser ist als Strafe, glaubt mittlerweile jeder. Zu verdanken ist dies der geballten Propaganda von Psychologen und Journalisten. Bei den Psychologen liegt der Grund auf der Hand (sie müssen ja schliesslich von was leben), bei den Journalisten wird es wohl daran liegen, dass sie so recht eigentlich Herdentiere sind. Kommt dazu, dass wenn der Mensch einmal etwas glaubt, er nur mehr schwer davon abzubringen ist.
  Das meint nicht, dass Strafe der Therapie vorzuziehen wäre; das meint, dass wer glaubt, dass Therapie die Lösung sei, sich davon womöglich zu viel verspricht, denn die Behandlung von Alkoholikern ist ein Feld voller Widerspräche und Paradoxien. Kein Wunder bei Phänomena wie diesen (aus: Arnold M. Ludwig: The Alcoholic's Mind):
 
  • Seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht zu haben, gilt als ein notwendiger Schritt für die Genesung — bei anderen Krankheiten legt dies eher eine negative Prognose nahe.
  • Alkoholismus ist "eine Krankheit", deren charakteristische Symptome, wie etwa der Drang zu trinken, zu gewissen Zeiten, zum Beispiel am Abend oder an Wochenenden, auf mysteriöse Art und Weise auftauchen und zu anderen Zeiten, wie bei der Arbeit oder in der Kirche, abwesend sein können.
  • In vielen Spitälern werden Alkoholiker unverzüglich von der Behandlung ausgeschlossen, wenn man annimmt, sie seien unkooperativ, unmotiviert, gäben ein schlechtes Beispiel ab für andere oder wenn man sie beim Trinken oder Drogen konsumieren erwischt. Anders gesagt: zeigt der Alkoholiker Anzeichen seiner Krankheit (etwa, dass er sein Trinken nicht zu kontrollieren weiss), gilt er als ungeeignet für die Behandlung. Es ist gänzlich absurd: Er muss trocken sein, damit man ihm hilft, trocken zu werden.
  Auf diesem Hintergrund zeugt das Verhalten der Graubündner Regierung, die offenbar glaubte, es genüge, unter Beizug eines Vertrauensarztes Massnahmen zu vereinbaren, "damit Reinhardt seines Problems Herr werde," von schwer zu überbietender Ignoranz. Die Medien haben diese in ihrer gewohnten Art weiter verbreitet.
 
  P.S. Im März 2000 hatte Markus Reinhardt den Befehl für den Todesschuss auf einen Amokschützen gegeben. Es wurde Anklage auf vorsätzliche Tötung erhoben; Reinhardt wurde freigesprochen. In der Süddeutschen vom 27. Januar 2010 stand zu lesen: "'Der finale Rettungsschuss habe ihn nicht losgelassen,' sagte der langjährige Freund und Nationalrat Pius Segmüller dem Blick. 'Er hatte seither gewisse Sorgen. Am Ende war wohl alles zu viel für ihn.'"
   
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